„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ fragte Simon etwas verdutzt. „Ein Sous Chef? Vom Cern? Das ist wohl ein schlechter Scherz!“ Simon schaute Bachinski tief in die Augen, der daraufhin zu grinsen anfing. „Nein, es ist wahr, es ist wirklich wahr“, sagte Bachinski, „Sie werden es gleich etwas besser verstehen“. Nun wurde das Grinsen auf Bachinskis Gesicht noch breiter, so dass die Situation in Simons Augen ziemlich skurril zu wirken begann. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und nickte. ´Was für eine Geschichte würde Bachinski ihm jetzt wohl auftischen?´.„Ja, schießen Sie los,“ sagte Simon, „also wer ist der Koch und wie kommt er an solche Unterlagen? Und welche Rolle spielen Sie dabei, Bachinski? Wieso sind Sie mit den Unterlagen zu mir gekommen?“.
„Nun langsam!“, Bachinski war immer noch sichtlich erheitert, „sagt Ihnen der Name Peter Ophey irgendetwas?“. Bachinski hielt mit seinen Ausführungen kurz inne um in Simons Gesicht zu blicken, in dem sich nun zwei tiefe Sorgenfalten abzeichneten.
Natürlich kannte Simon den Namen Peter Ophey! Peter war sein Kommilitone in Yale gewesen und der erste, den Simon aus seinem Studiengang kennen gelernt hatte. Auch im Wohnheim wohnten sie Tür an Tür. Sie hatten ähnliche Interessen, Ansichten, Ziele. Und so hatte sich über die Zeit daraus mehr als eine Zweckgemeinschaft entwickelt – man konnte es sogar als Freundschaft bezeichnen. Nach dem Studienabschluss, das mochte jetzt schon über 13 Jahre her sein, hatten sie dann gemeinsam ihre erste Arbeitsstelle angetreten: am Lehrstuhl für Atomarphysik der University of Washington. Dort hatte Simon auch Heather Beatly, seine spätere Verlobte, und Walter Watson kennen gelernt – auch sie beide waren am Lehrstuhl angestellt und schon bald wurde aus dem Grüppchen eine verschworene Gemeinschaft. Wissenschaftlich befassten sie sich mit der Aufgabe, masselose Higgs-Quanten in submateriellen Bosonenfeldern zu erforschen. Ein Gebiet, auf dem sie zwar wirklich sehr gut waren und schnell gute Erfolge erzielten, auf dem es jedoch kaum praxisnahe Anwendungsmöglichkeiten gab. So kam es, wie es kommen musste: die Geldgeber aus der Wirtschaft sprangen ab, die Drittmittel wurden knapp und sie mussten ihre Forschung einstellen. Doch kurz bevor sich die Gruppe hätte auflösen müssen, bekamen sie eine Offerte, ihr Forschungsvorhaben an einem Forschungsinstitut der Carl Gutterson-Stiftung weiterzuführen.
Es war ein Angebot, das sie kaum ablehnen konnten und erschien ihnen damals fast wie ein Sechser im Lotto! Nicht nur, dass die vier Physiker nun auf ihrem Gebiet weiterforschen konnten, nein, sie wurden zudem mit einer Vielzahl von Privilegien gelockt: kostenfreies Wohnen in überdimensionierten Villen, Hauspersonal, Dienstwagen mit Chauffeur, ein Jahresgehalt von über $ 500.000, ein Leben im Luxus! Auch in der Forschung ging es schnell voran, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung mit schier unerschöpflichen Geldmitteln.
Doch dann, so etwa nach zwei Jahren, bekamen sie immer mehr die Schattenseiten ihres Deals zu spüren: Da es sich um ein Projekt gehandelt hatte, in das die Finanziers viel Geld reingepumpt hatten und dessen Ergebnisse unter Verschluss bleiben sollten, durften sie mit niemanden darüber sprechen, nichts publizieren, sich nicht mit externen Forschern austauschen. Dieser Umstand war sehr unbefriedigend, insbesondere für den sehr ehrgeizigen Walter – schließlich war es sein Ziel, sich als international anerkannter Physiker einen Namen machen. Er fühlte sich zu Höherem berufen. Sein Traum war der Nobelpreis! Und Weltruhm! Und so kam es, dass Walter es nicht weiter aushielt und unerlaubterweise Kontakte zu anderen Wissenschaftlern knüpfte, was natürlich nicht lange unentdeckt blieb. Wäre Walter nicht der kreative Kopf des Teams gewesen, wäre er damals sicherlich hochkant rausgeflogen.
Doch der Zwischenfall hatte Folgen: ab diesem Zeitpunkt wurden sie an die kurze Leine genommen, wurden immer stärker überwacht. Irgendwann fühlten sie sich auf dem Forschungsgelände des ´Konzerns´ wie Gefangene im goldenen Käfig. Wollten sie das Gelände verlassen, musste der Ausgang Tage im Voraus beantragt werden und war nur in Begleitung von „Personenschützern“ möglich. An ihrem vielen Geld hatten sie daher so nur wenig Freude. Einerseits wussten sie zwar, dass sie gutes Geld verdienten und, sollte mal das Projekt abgeschlossen sein, bis zum Lebensende finanziell ausgesorgt hatten. Andererseits waren sie sich irgendwann nicht sicher, ob sie das Projekt je zum Ende bringen konnten. Sie wussten ja nicht mal, wie das Ende hätte aussehen können.
„Peter Ophey ist der besagte Sous Chef vom Cern“ unterbrach Bachinski Simons Gedankengänge. „Er war es auch, der mich beauftragt hatte, Sie ausfindig zu machen und hierher zu bringen. Aber das kann er sicher Ihnen selber erzählen“.
Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür der kleinen Blockhütte und heraus kam ein erschöpft wirkender und von den Strapazen der letzten Tage gezeichneter Mann Anfang Vierzig. An seiner Jacke war Blut zu sehen.
Simon konnte es nicht glauben: „Peter, du hier?“, schoss es aus ihm heraus, „jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr!“.
„Beruhige dich doch bitte“, sagte Peter mit heiserer Stimme, „und hör mir kurz zu. Ich versuche dir den Sachverhalt in wenigen Sätzen darzulegen und denke, dass wir dann gemeinsam entscheiden sollten, was weiter zu tun ist“.
Simon nickte.
„Also“, fuhr Peter fort, „du erinnerst dich doch sicher noch an damals, als wir herausgefunden haben, dass unsere ganze Forschung dem einzigen Zweck diente, eine ´submaterielle Quantenbombe´ zu entwickeln.“
Simon nickte wieder. ´Wie hätte er das vergessen können! Beinahe hätten sie damals mit ihrer Forschung eine Katastophe herbeigeführt und dem ´Konzern´ eine äußerst heimtückische und effektive Waffe in die Hände gegeben! Sie waren kurz vor dem Durchbruch.´.
„Und du erinnerst dich sicherlich auch an David Moore, der uns damals aus den Fängen des ´Konzerns´ rausgeholt hat!? Und davor bewahrt hat, dass uns der ´Konzern´ findet!“
Simon nickte zum dritten Mal.
„Gut“ sagte Peter bedeutungsvoll „dann hab ich einige schlechte und eine gute Nachricht für dich. Erst mal die schlechten:
1. David Moore ist zu den Bösen übergewechselt und hat dem ´Konzern´ Walter in die Hände gespielt.
2. Auch Walter ist dem ´Konzern´ voll auf den Leim gegangen und hat es tatsächlich alleine geschafft, an unsere damalige Forschung anzuknüpfen und die Quantenbombe zu entwickeln.
3. Die Quantenbombe ist wie du weißt keine normale Bombe im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr ein Riss im Raumgefüge. Sie explodiert nicht, sondern lässt Sachen oder Menschen verschwinden. Entmaterialisiert sie. Um die Wirksamkeit zu demonstrieren, setzte der ´Konzern´ die Waffe vor kurzem ein und entmaterialisierte den Hund des Ex-Präsidenten George W. Bush. Eigentlich witzig, wenn es nicht so ernst wäre. Aber die Bombe kann mehr. Du weißt das!
4. Mit der Drohung, die Quantenbombe auch auf die Regierungspolitiker der westlichen Welt einzusetzen, hält der ´Konzern´ diese quasi in Schach und erpresst sie. Vor zwei Tagen musste beispielsweise die Bundesregierung Deutschland 40 Milliarden € auf die Konten des ´Konzerns´ transferieren. Die Franzosen waren mit 30 Milliarden € dabei. Die USA sogar mit 100 Milliarden $. Um die Öffentlichkeit nicht unnötig in Angst und Panik zu versetzen, werden die Zahlungen als Konjunkturhilfen bezeichnet. International hat man sich zunächst auf die Sprachregelung ´Wirtschaftskrise´ geeinigt. Jetzt hat sich wirklich daraus eine echte Wirtschaftskrise entwickelt.Zudem fängt der ´Konzern´ an, Personen in wichtgen Schlüsselpositionen auszutauschen - du hast doch sicher von dem neuen Wirtschaftsminster in Deutschland gehört. Auch bei einigen Großkonzernen und Banken sind Köpfe gerollt und durch neue ersetzt worden. Und sicherlich wird da auch noch mehr folgen.
5. David Moore hat Heather. Die Information habe ich heute erhalten. Ich vermute, dass er sie irgendwie für seine Zwecke benutzen will. Vielleicht um die Bombe noch weiter zu entwickeln. Das gleiche hatte er auch mit uns vor.“
Erst jetzt bemerkte Simon, dass sich in der Blockhütte noch weitere Personen befanden. Er schaute Peter über die Schulter und erblickte auf dem staubigen Hüttenboden zwei gefesselte und drei tote Männer. Vielleicht waren sie auch nur schwer verletzt, auf jedem Fall war überall Blut zu sehen. Daneben stand ein weiterer Mann, der nicht gefesselt war und ein Sturmgewehr in den Händen hielt.
„Die Burschen haben hier auf dich gewartet und wollten dich in Empfang nehmen“, klärte Peter Simon auf, „Es sind Männer von David Moore. Und dieser Mann“, Peter zeigte auf den Mann mit der Waffe, „ist Alexander Troiski. Er gehört zu uns.“
Simon war das alles zu viel. Zwar wusste er nicht was, aber irgendwie passte da nicht alles ganz zusammen. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Zu neugierig war er darauf, was ihm Peter jetzt sagen würde: „Und was ist dann die gute Nachricht?“
„Die gute Nachricht ist, dass noch nicht alles verloren ist.“, Peter lächelte triumphierend, „Es gibt eine Art Gegenmittel für die Quantenbombe. Eine Art Kleber des Raumgefüges“. Peter wirkte irgendwie erleichtert, dass er die Information loswerden und Simon einweihen konnte. „Du musst wissen, dass in den Vierziger Jahren bereits Albert Einstein eine Art Quantenbombe und die entsprechende ´Gegenbombe´ entwickelt hatte. Als ihm die Zerstörungskraft der Quantenbombe bewusst wurde hat er alle Dokumente darüber vernichtet. Die Informationen über die Gegenbombe hat er allerdings verschlüsselt der Nachwelt hinterlassen. Und da das Schicksal es gut mit uns meint, wurde die Information in als die ´vierte Botschaft´ der Kryptos-Skulptur verwendet. Die Narren vom CIA wussten damals nicht, was sie in den Händen hielten. Wir müssen die Botschaft nur entschlüsseln! Das ist die einzige Möglichkeit, um die Welt zu retten.“







