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Extrablatt
Donnerstag, Februar 12, 2009

Kapitel 12: "Quantenbombe"

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Donnerstag, Februar 12, 2009

Kapitel 12: Quantenbombe

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ fragte Simon etwas verdutzt. „Ein Sous Chef? Vom Cern? Das ist wohl ein schlechter Scherz!“ Simon schaute Bachinski tief in die Augen, der daraufhin zu grinsen anfing. „Nein, es ist wahr, es ist wirklich wahr“, sagte Bachinski, „Sie werden es gleich etwas besser verstehen“. Nun wurde das Grinsen auf Bachinskis Gesicht noch breiter, so dass die Situation in Simons Augen ziemlich skurril zu wirken begann. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und nickte. ´Was für eine Geschichte würde Bachinski ihm jetzt wohl auftischen?´.

„Ja, schießen Sie los,“ sagte Simon, „also wer ist der Koch und wie kommt er an solche Unterlagen? Und welche Rolle spielen Sie dabei, Bachinski? Wieso sind Sie mit den Unterlagen zu mir gekommen?“.
„Nun langsam!“, Bachinski war immer noch sichtlich erheitert, „sagt Ihnen der Name Peter Ophey irgendetwas?“. Bachinski hielt mit seinen Ausführungen kurz inne um in Simons Gesicht zu blicken, in dem sich nun zwei tiefe Sorgenfalten abzeichneten.

Natürlich kannte Simon den Namen Peter Ophey! Peter war sein Kommilitone in Yale gewesen und der erste, den Simon aus seinem Studiengang kennen gelernt hatte. Auch im Wohnheim wohnten sie Tür an Tür. Sie hatten ähnliche Interessen, Ansichten, Ziele. Und so hatte sich über die Zeit daraus mehr als eine Zweckgemeinschaft entwickelt – man konnte es sogar als Freundschaft bezeichnen. Nach dem Studienabschluss, das mochte jetzt schon über 13 Jahre her sein, hatten sie dann gemeinsam ihre erste Arbeitsstelle angetreten: am Lehrstuhl für Atomarphysik der University of Washington. Dort hatte Simon auch Heather Beatly, seine spätere Verlobte, und Walter Watson kennen gelernt – auch sie beide waren am Lehrstuhl angestellt und schon bald wurde aus dem Grüppchen eine verschworene Gemeinschaft. Wissenschaftlich befassten sie sich mit der Aufgabe, masselose Higgs-Quanten in submateriellen Bosonenfeldern zu erforschen. Ein Gebiet, auf dem sie zwar wirklich sehr gut waren und schnell gute Erfolge erzielten, auf dem es jedoch kaum praxisnahe Anwendungsmöglichkeiten gab. So kam es, wie es kommen musste: die Geldgeber aus der Wirtschaft sprangen ab, die Drittmittel wurden knapp und sie mussten ihre Forschung einstellen. Doch kurz bevor sich die Gruppe hätte auflösen müssen, bekamen sie eine Offerte, ihr Forschungsvorhaben an einem Forschungsinstitut der Carl Gutterson-Stiftung weiterzuführen.

Es war ein Angebot, das sie kaum ablehnen konnten und erschien ihnen damals fast wie ein Sechser im Lotto! Nicht nur, dass die vier Physiker nun auf ihrem Gebiet weiterforschen konnten, nein, sie wurden zudem mit einer Vielzahl von Privilegien gelockt: kostenfreies Wohnen in überdimensionierten Villen, Hauspersonal, Dienstwagen mit Chauffeur, ein Jahresgehalt von über $ 500.000, ein Leben im Luxus! Auch in der Forschung ging es schnell voran, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung mit schier unerschöpflichen Geldmitteln.

Doch dann, so etwa nach zwei Jahren, bekamen sie immer mehr die Schattenseiten ihres Deals zu spüren: Da es sich um ein Projekt gehandelt hatte, in das die Finanziers viel Geld reingepumpt hatten und dessen Ergebnisse unter Verschluss bleiben sollten, durften sie mit niemanden darüber sprechen, nichts publizieren, sich nicht mit externen Forschern austauschen. Dieser Umstand war sehr unbefriedigend, insbesondere für den sehr ehrgeizigen Walter – schließlich war es sein Ziel, sich als international anerkannter Physiker einen Namen machen. Er fühlte sich zu Höherem berufen. Sein Traum war der Nobelpreis! Und Weltruhm! Und so kam es, dass Walter es nicht weiter aushielt und unerlaubterweise Kontakte zu anderen Wissenschaftlern knüpfte, was natürlich nicht lange unentdeckt blieb. Wäre Walter nicht der kreative Kopf des Teams gewesen, wäre er damals sicherlich hochkant rausgeflogen.

Doch der Zwischenfall hatte Folgen: ab diesem Zeitpunkt wurden sie an die kurze Leine genommen, wurden immer stärker überwacht. Irgendwann fühlten sie sich auf dem Forschungsgelände des ´Konzerns´ wie Gefangene im goldenen Käfig. Wollten sie das Gelände verlassen, musste der Ausgang Tage im Voraus beantragt werden und war nur in Begleitung von „Personenschützern“ möglich. An ihrem vielen Geld hatten sie daher so nur wenig Freude. Einerseits wussten sie zwar, dass sie gutes Geld verdienten und, sollte mal das Projekt abgeschlossen sein, bis zum Lebensende finanziell ausgesorgt hatten. Andererseits waren sie sich irgendwann nicht sicher, ob sie das Projekt je zum Ende bringen konnten. Sie wussten ja nicht mal, wie das Ende hätte aussehen können.

„Peter Ophey ist der besagte Sous Chef vom Cern“ unterbrach Bachinski Simons Gedankengänge. „Er war es auch, der mich beauftragt hatte, Sie ausfindig zu machen und hierher zu bringen. Aber das kann er sicher Ihnen selber erzählen“.
Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür der kleinen Blockhütte und heraus kam ein erschöpft wirkender und von den Strapazen der letzten Tage gezeichneter Mann Anfang Vierzig. An seiner Jacke war Blut zu sehen.

Simon konnte es nicht glauben: „Peter, du hier?“, schoss es aus ihm heraus, „jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr!“.
„Beruhige dich doch bitte“, sagte Peter mit heiserer Stimme, „und hör mir kurz zu. Ich versuche dir den Sachverhalt in wenigen Sätzen darzulegen und denke, dass wir dann gemeinsam entscheiden sollten, was weiter zu tun ist“.
Simon nickte.

„Also“, fuhr Peter fort, „du erinnerst dich doch sicher noch an damals, als wir herausgefunden haben, dass unsere ganze Forschung dem einzigen Zweck diente, eine ´submaterielle Quantenbombe´ zu entwickeln.“
Simon nickte wieder. ´Wie hätte er das vergessen können! Beinahe hätten sie damals mit ihrer Forschung eine Katastophe herbeigeführt und dem ´Konzern´ eine äußerst heimtückische und effektive Waffe in die Hände gegeben! Sie waren kurz vor dem Durchbruch.´.

„Und du erinnerst dich sicherlich auch an David Moore, der uns damals aus den Fängen des ´Konzerns´ rausgeholt hat!? Und davor bewahrt hat, dass uns der ´Konzern´ findet!“
Simon nickte zum dritten Mal.

„Gut“ sagte Peter bedeutungsvoll „dann hab ich einige schlechte und eine gute Nachricht für dich. Erst mal die schlechten:

1. David Moore ist zu den Bösen übergewechselt und hat dem ´Konzern´ Walter in die Hände gespielt.

2. Auch Walter ist dem ´Konzern´ voll auf den Leim gegangen und hat es tatsächlich alleine geschafft, an unsere damalige Forschung anzuknüpfen und die Quantenbombe zu entwickeln.

3. Die Quantenbombe ist wie du weißt keine normale Bombe im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr ein Riss im Raumgefüge. Sie explodiert nicht, sondern lässt Sachen oder Menschen verschwinden. Entmaterialisiert sie. Um die Wirksamkeit zu demonstrieren, setzte der ´Konzern´ die Waffe vor kurzem ein und entmaterialisierte den Hund des Ex-Präsidenten George W. Bush. Eigentlich witzig, wenn es nicht so ernst wäre. Aber die Bombe kann mehr. Du weißt das!

4. Mit der Drohung, die Quantenbombe auch auf die Regierungspolitiker der westlichen Welt einzusetzen, hält der ´Konzern´ diese quasi in Schach und erpresst sie. Vor zwei Tagen musste beispielsweise die Bundesregierung Deutschland 40 Milliarden € auf die Konten des ´Konzerns´ transferieren. Die Franzosen waren mit 30 Milliarden € dabei. Die USA sogar mit 100 Milliarden $. Um die Öffentlichkeit nicht unnötig in Angst und Panik zu versetzen, werden die Zahlungen als Konjunkturhilfen bezeichnet. International hat man sich zunächst auf die Sprachregelung ´Wirtschaftskrise´ geeinigt. Jetzt hat sich wirklich daraus eine echte Wirtschaftskrise entwickelt.Zudem fängt der ´Konzern´ an, Personen in wichtgen Schlüsselpositionen auszutauschen - du hast doch sicher von dem neuen Wirtschaftsminster in Deutschland gehört. Auch bei einigen Großkonzernen und Banken sind Köpfe gerollt und durch neue ersetzt worden. Und sicherlich wird da auch noch mehr folgen.

5. David Moore hat Heather. Die Information habe ich heute erhalten. Ich vermute, dass er sie irgendwie für seine Zwecke benutzen will. Vielleicht um die Bombe noch weiter zu entwickeln. Das gleiche hatte er auch mit uns vor.“

Erst jetzt bemerkte Simon, dass sich in der Blockhütte noch weitere Personen befanden. Er schaute Peter über die Schulter und erblickte auf dem staubigen Hüttenboden zwei gefesselte und drei tote Männer. Vielleicht waren sie auch nur schwer verletzt, auf jedem Fall war überall Blut zu sehen. Daneben stand ein weiterer Mann, der nicht gefesselt war und ein Sturmgewehr in den Händen hielt.
„Die Burschen haben hier auf dich gewartet und wollten dich in Empfang nehmen“, klärte Peter Simon auf, „Es sind Männer von David Moore. Und dieser Mann“, Peter zeigte auf den Mann mit der Waffe, „ist Alexander Troiski. Er gehört zu uns.“

Simon war das alles zu viel. Zwar wusste er nicht was, aber irgendwie passte da nicht alles ganz zusammen. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Zu neugierig war er darauf, was ihm Peter jetzt sagen würde: „Und was ist dann die gute Nachricht?“

„Die gute Nachricht ist, dass noch nicht alles verloren ist.“, Peter lächelte triumphierend, „Es gibt eine Art Gegenmittel für die Quantenbombe. Eine Art Kleber des Raumgefüges“. Peter wirkte irgendwie erleichtert, dass er die Information loswerden und Simon einweihen konnte. „Du musst wissen, dass in den Vierziger Jahren bereits Albert Einstein eine Art Quantenbombe und die entsprechende ´Gegenbombe´ entwickelt hatte. Als ihm die Zerstörungskraft der Quantenbombe bewusst wurde hat er alle Dokumente darüber vernichtet. Die Informationen über die Gegenbombe hat er allerdings verschlüsselt der Nachwelt hinterlassen. Und da das Schicksal es gut mit uns meint, wurde die Information in als die ´vierte Botschaft´ der Kryptos-Skulptur verwendet. Die Narren vom CIA wussten damals nicht, was sie in den Händen hielten. Wir müssen die Botschaft nur entschlüsseln! Das ist die einzige Möglichkeit, um die Welt zu retten.“

Sonntag, Januar 25, 2009

Kapitel 11: Genf

„Wir sind da!“, hörte Simon vom Fahrersitz und wurde etwas unsanft aus seinem tiefen Schlaf von Gert Bachinski geweckt.
Ziemlich genau 20 Stunden waren sie unterwegs gewesen und hatten die Schweizer Hütte erreicht. Da Simon die GPS Daten der Blockhütte schon seit Jahren im Kopf abgespeichert hatte, war das für einen BMW Sportwagen angemessene Navigationsgerät schnell darauf programmiert, auch wenn das Navi natürlich sofort anzeigte, dass zum eingegebenen Zielpunkt auf den letzten 15 km keine Straßen mehr führten.
Diese letzten Kilometer holperte es dann auch nur noch so über die Forstwege, was Simon aber als ein eher angenehmes, erneutes in den Schlaf wiegen empfand.
Die Hütte sah noch genau so aus, wie Simon sie in Erinnerung hatte, mit dem moosbewachsenen Holzdach und der schiefen Eingangstür, unter der es nachts immer durchzog, wenn man nicht ausreichend Klamotten vor dem Spalt zwischen unterem Türabschluss und nicht weniger geradem Holzdielenboden stapelte.

„Ich geh mir erst einmal die Beine vertreten und telefonieren. Bin gleich wieder da.“, hörte Simon Gert neben sich sagen. Und ehe Simon reagieren konnte, war Gert auch schon aus dem Auto ausgestiegen und entfernte sich ein paar Meter während er das Handy aus seiner Jackentasche kramte und anfing auf dem Tastenfeld herumzutippen.
Die beiden hatten die Fahrt immer abwechselnd in Schichten hinter dem Steuer verbracht und nur wenig miteinander gesprochen. Spannend wurde die Fahrt nur einmal, als Simon erst an der Grenze wieder einfiel, dass er gar keinen Pass mehr hatte. Das Zücken der geklauten Brieftasche von dem armen Rentner, den er nun auf dem Gewissen hatte, hatte allerdings schon gereicht und man winkte sie einfach durch.
Von dem Moment an, als die beiden ins Auto gesprungen waren, bestand ein unausgesprochenes Abkommen zwischen den beiden, dass es zunächst einmal darum ging, schnellstmöglich in die Schweiz zu gelangen und auf der Fahrt Energie zu tanken. Fragen aller Art gab es für beide sicherlich genug, aber die Klärung wollte man noch ein wenig aufschieben. Jetzt war es allerdings soweit und sie hatten noch 2 Stunden Zeit bis David oder seine Mannen hier eintreffen würden, wenn Simon ihn richtig verstanden hatte, denn nochmal angerufen hatte Simon ihn nicht mehr.

Simon legte sich, immer noch im Auto sitzend, einen Schlachtplan zurecht. Viele Dinge müssten in der nächsten 2 Stunden geklärt werden und als erstes wollte er wissen, von wem die Unterlagen über die Higgs-Teilchen Forschung eigentlich kamen. Wer sollte überhaupt Interesse haben, einem Mann wie Bachinski so etwas zu zuschicken und ihn dann anschliessend sogar zu verfolgen?!

Gert kam wieder zum Auto zurück und setzte sich schnaufend wieder hin, während er die Autotür hinter sich zuzog.
„Also?!“ , sagte Gert. „Wie geht’s jetzt weiter?“
„Wir sollten die Hütte und nähere Umgebung kurz inspizieren und uns überlegen, wo der beste Aufenthaltsort für uns in den nächsten 2 Stunden sein wird. Dann erwarten wir aller Voraussicht nach Besuch und zwar hoffentlich von Leuten, die uns wohlgesonnen sind.“ , sagte Simon hoch konzentriert. „Bis dahin sollten wir klären, was uns beide eigentlich in diese Situation gebracht hat und dabei sollten wir vor allem ehrlich miteinander spielen.“
Simon stieg aus dem Auto aus und sah wie Gert es ihm gleich tat.
„Woher haben Sie eigentlich diese Unterlagen ? Wer ist ihr Informant ?“ fragte Simon, die Kladde hochhaltend.
„Die hat mir ein Chef vom Cern zugeschickt.“ , antwortete Gert und als er in ein fragendes Gesicht blickte, ergänzte er: „Nicht was sie denken, keiner der dort was zu sagen hätte, sondern ein Sous Chef. Das ist der Stellvertreter vom Küchenchef oder anders ausgedrückt, nicht mehr als ein Koch.“

Donnerstag, Januar 08, 2009

Kapitel 10: Verräter

„So ein verdammter Mist“, fluchte David. Er wusste, dass er einen großen Fehler begangen hatte. Unter diesen Umständen hätte er Simon nie dazu bringen sollen, das Handy auszuschalten...
Noch mehr störte es ihn, dass Heather mitbekam, dass er sich gerade wie ein absoluter Anfänger benommen hatte.
„Nun ja, wer hätte gedacht, dass Simon ausnahmsweise tatsächlich auf mich hört?“, versuchte er zu scherzen. Er lachte darüber, wie über einen guten Witz, ein vergeblicher Versuch, die Situation zu entschärfen.
Als er einen hastigen Blick auf Heather warf, merkte er schnell, dass ihr gar nicht zum Lachen zu Mute war. Ihr anklagender Blick schien ihn zu durchbohren, aber sie schwieg.
„Nun komm, wir haben keine Zeit zu verlieren“, drängte er sie nun auf seine schroffe Art. Als sie nicht reagierte, packte er sie am Arm, doch sie riss sich los.
„Fass mich nicht an, David“, schrie sie auf und funkelte ihn warnend an. Ihr Gesicht war vor Sorge verzerrt. Ihre grünen Augen waren randvoll mit Tränen gefüllt.
„Du denkst, ich bin ein Möbelstück, das man von heute auf morgen, von einem Ort zum anderem beliebig verschieben kann? Ein Ding, ohne Gefühle...“ Ihre Stimme klang als klirrten Eiswürfel in einem Glas aneinander. „Du weißt gar nicht, was Simon mir bedeutet!“
„Verschone mich bitte mit sentimentalen Ausbrüchen, Heather. Nicht jetzt!“, gab David mit unverhohlenem Ärger zurück Diese Frau verstand offensichtlich nicht, dass sie sich in größter Gefahr befand. Bevor David sich dazu entschließen konnte, sie mit Gewalt zu packen und ins Auto zu zerren, griff sie nach seiner Hand und umklammerte sie fest. Als ihre Blicke sich begegneten und ihm ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit bewusst wurde, empfand er plötzlich für einen kurzen Moment Mitleid.
„Aber du hast doch mir fest versprochen, dass ich und Simon nach ein paar Jahren, wenn Gras drüber gewachsen ist, wieder irgendwo zusammen neu anfangen können. Du hast es versprochen!“. Heather, die offensichtlich kein Taschentuch bei sich hatte, zog geräuschvoll die Nase hoch. Ihr Gesicht war inzwischen völlig nass von Tränen, ihre Lippen bebten.
„Mein Gott, Heather, ich habe es mir nicht ausgesucht!“, brauste er auf, während er seine Hand aus ihrer Umklammerung befreite. „Ich kann es doch nicht ändern! Was kann ich dafür, wenn einer von euch sich an die Regeln nicht halten kann“

„Einer von uns?“, fragte Heather ungläubig.
David antwortete nicht. Er kramte lediglich eine Zigarette aus seiner Tasche und entzündete sie. Mit einem festen Zug ließ er die Spitze der Zigaretten hell aufglühen, eine kalte Rauchwolke stieg über seinen Schultern auf. Sein Blick wanderte zum Fenster und blieb dort starr hängen, als wolle er mit allen Mitteln verhindern, ihr nochmals in die Augen zu sehen.
Heather wusste, dass er nichts mehr sagen wird.
Während sie sich ihre Tränen abwischte und wieder eine gleichgültige Miene aufzusetzen versuchte, überlegte sie fieberhaft, wer für dieses Übel verantwortlich sein könnte. Wer konnte es nicht lassen, auf dem verbotenem Gebiet weiter zu forschen? Wer war egoistisch genug, um die Regeln zu brechen und ohne Rücksicht alle anderen in Gefahr zu bringen?
Eine Flut von Bildern und Erinnerungen aus vergangenen Jahren überschwemmte ihren Kopf. Schlagfertig erschien ihr im Geiste die Gestalt eines Mannes. Nur er kam in Frage. Er hatte ihr damals das Angebot gemacht, mit ihm in die Schweiz zu gehen und mit ihm weiterhin als Physikerin zu arbeiten. Er sagte, er könnte es arrangieren und dass er sich gut vorstellen könnte, dass sie sich beide bald sehr gut verstehen würden. Es gab da seinerseits eine Andeutung, ein unmoralisches Angebot...
Heather hat niemanden etwas davon erzählt. Auch Simon nicht. Sie fand das Verhalten dieses Mannes dreist und einfach widerlich.
Obwohl sie wusste, wie machtgierig und egozentrisch dieser Mensch war, hat sie ihn damals nicht ernst genommen, denn David hatte ihr versprochen, dass niemand von dem Team bevorzugt wird, dass alle eine andere Identität bekommen und getrennt bleiben müssen.
Sie hatte immer David vertraut, aber war es tatsächlich richtig, ihm zu vertrauen?“
„Es war Walter!“, sagte sie energisch, ohne vorher viel zu überlegen, einfach nur einem innerem Instinkt folgend.... Es war vielmehr eine Feststellung als eine Frage.
Währenddessen taxierte sie ununterbrochen Davids Gesicht, um keine einzige Regung zu verpassen. Es entging ihr daher nicht, wie er verblüfft seinen Mund öffnete und kurz darauf ihn schnell wieder zuklappte. Dabei wäre ihm fast die Zigarette aus dem Mund gefallen. Auf seiner Schläfe zuckte ein Nerv.
„Was hast du gesagt?“ , hörte sie ihn sagen, offensichtlich, um Zeit zu gewinnen. Er bemühte sich um Beiläufigkeit in seiner Stimme.
„Walter ist schuld, nicht war?“
David lachte auf und entblößte dabei eine Reihe wunderbarer, weißer Zähne, die im starken Kontrast zu seiner dunklen Hautfarbe standen. Heather vernahm augenblicklich, wie aufgesetzt dieses Lachen klang. Oder bildete sie sich das nur ein?
„Walter? Aber Heather! Du kommst auf Ideen.“ Er lachte noch lauter. „Walters größter Wunsch, war es, sein Leben auf einer Ranch in Texas zu genießen. Diesen Traum hat er sich erfüllt. Was sollte er dort verbrochen haben?“ Während in Heathers Kopf Alarmglocken schrillten, stockte David kurz, dachte nach und fuhr fort: „Es kann natürlich sein, dass auch er nun eine neue Identität bekommt, aber mehr kann ich nicht verraten.“
Was für ein mieser Lügner, dachte Heather zornig. Sie wusste ganz genau, dass es Walters großes Ziel war, bei C.E.R.N. zu arbeiten und keinesfalls auf irgendeiner Ranch.
Hitze wallte in ihr auf, ihr Gesicht glühte. Sie musste sich abwenden, um ihre Gefühle zu verbergen. Aber nun gut, sie wird dieses falsche Spiel mitmachen.
Sie hielt es für das Beste, in sein Lachen einzufallen. „Wie dumm von mir, auf solche Gedanken zu kommen.“ Sie rang sich nochmals ein Lächeln ab. „Aber du musst verstehen, ich bin ziemlich nervös und auch so sehr um Simon besorgt.“
„Ja, ist schon gut, Heather“ David wirkte erleichtert. Seine Hand auf ihrer Schulter sollte ihr wohl mit festem Druck signalisieren, dass er für ihren Ausrutscher vollstes Verständnis hatte.
„Aber nun komm Heather.“
„Ja, David. Wir können sofort aufbrechen.“ Ihre Stimme hörte sich an, als hätte sie ein
großes Stück Watte im Mund.


Edda

Sonntag, Dezember 21, 2008

Kapitel 9: Tock, tock, Shaft ist da!

Heather blieb einige Augenblicke lang wie erstarrt in der Tür stehen und musterte den groß gewachsenen dunkelhäutigen Mann gründlich von oben bis unten. Er hatte sich in all den Jahren kaum verändert und hätte jetzt immer noch als ein Zwillingsbruder von Shaft durchgehen können. Lediglich waren seine Haare leicht ergraut, seine Kotletten etwas kürzer geworden und ein kleiner Bauchansatz war nun zu erkennen.

„Hallo David, schön dich wiederzusehen.“ begann sie etwas zögerlich, um dann an seiner Miene zu erkennen, dass ihm nicht nach Smalltalk zumute war.

„Heather, wir haben keine Zeit! Du brauchst nichts mitzunehmen. Kleidung, Geld, Papiere bekommst du von uns. Du kennst ja die Prozedur bereits. Und gib mir bitte dein Mobiltelefon.“

In Heather stieg Panik auf, die sie hinunterzuschlucken versuchte. „Heißt das, dass ich vielleicht hierhin nicht zurückkommen werde?“ fragte sie leise, immer noch nach ihrer Stimme suchend.
„Ich würde an deiner Stelle nicht fest damit rechnen.“, entgegnete David, „Aber ich schätze, dass du keine andere Antwort erwartet hast, richtig?“.
Heather nickte nachdenklich und reichte David ihr Mobiltelefon. „Ich muss aber noch kurz ins Bad“, sagte sie, „dann gehöre ich ganz dir“.
„Du willst doch nicht fliehen?“ hörte sie David hinter sich witzeln.
´Nein, fliehen wollte sie nicht´, schoss es Heather durch den Kopf, ´Aber sich vielleicht für immer im Bad einschließen und den Schlüssel die Toilette runterspülen. Einfach wieder Ruhe haben! Nein´.

Zielstrebig ging sie in die hintere Ecke des Badezimmers, öffnete die Abdeckung des Toilettenspülkastens und entnahm dort ein kleines Säckchen, das sie nun öffnete. Zum Vorschein kamen eine goldene Taschenuhr, ein Geschenk, das sie von ihrem Großvater zum 18. Geburtstag bekommen hatte und ein Armband, auf dessen Innenseite ein langes Wort eingraviert war. Beide Gegenstände steckte sie in die Hosentasche ihrer Jeans. Und dann war dort noch ein Ring, den sie einst von Simon zur Verlobung bekommen hatte, kurz bevor sie sich trennen mussten. Simon lebte jetzt in Deutschland, das wusste sie, und hatte wohl auch einen neuen Nachnamen bekommen. Eine neue Identität. Doch von der hatte Heather nie mehr erfahren dürfen. Ob seine Tarnung jetzt auch aufgeflogen war? War er etwa auch in Gefahr? Sie steckte den Ring an den Ringfinger ihrer linken Hand und beschloss David nach Simon zu befragen.

Im Wohnzimmer angekommen bemerkte sie aber, dass David telefonierte:
„Wo bist du…Was? Was ist passiert? Du hast einen Rentner umgebracht? Wo bist du?… Ihr seid auf einem Rasthof an der A9 Richtung München? Wer ist denn IHR… Mit wem bist du unterwegs… Gert Bachinski? Wer ist das? Ministerium für Wirtschaft… und sonst kennst du ihn nicht näher? Hört er gerade zu? Nein? Gut Simon.“
´War das etwa ihr Simon, mit dem David da telefonierte´, überlegte Heather, ´Ja, das war er bestimmt! So aufgebracht wie David wirkte, hatte Simon wieder Mist gebaut. Wie immer´. Heather musste fast schmunzeln, erinnerte sich aber wieder daran, dass Simon wahrscheinlich in Gefahr war.
Dann hörte sie David wieder sagen: „Ruf mich in 2 Stunden wieder an. Bis dahin werde ich schon was rausbekommen haben. Und vielleicht kann ich auch bei den deutschen Behörden etwas erreichen. Aber tu mir einen Gefallen: schalte dein Mobiltelefon aus! Damit bist so schwer zu finden wie ein Traktor im Heuhaufen!“

David legte auf, doch bevor Heather nur ein Wort sagen konnte, hatte er schon eine weitere Nummer in sein Telefon getippt. „Meine Kennung lautet India-Lima-Papa-Seven-Zulu-Yankee-Bravo, bitte verbinden Sie mich mit Peter Brown, Abteilung T71!“. Einige Sekunden vergingen. Dann ging offensichtlich jemand dran, denn David sagte: „Peter, hier ist David Moore. Ich brauche eine Auskunft über einen Gert Bachinski, Wirtschaftsministerium, Deutschland…Erst mal nur das Nötigste. Ja, ich warte.“
Aufgeregt tigerte David durchs Zimmer und raufte sich so heftig die Kopfhaut, dass Heather sich nicht traute, ihn anzusprechen. Stattdessen riskierte sie noch einen letzten Blick auf ihre Rosen. Ah, ihre Rosen, wie sehr würden sie ihr fehlen.
„Ja? Bin noch dran!“ hörte sie David sagen „Gert Bachinski… Alter 42… Ja… Verstehe… Abteilungsleiter… Ja… Was? Heute früh tot aufgefunden worden? Berlin, Riemenschneiderweg? Wie kann das sein? Bist du sicher? Kannst du mir alles darüber per Email schicken. Danke Peter!“. David legte auf.

Erst jetzt bemerkte Heather, dass er totenbleich war. So etwas hatte sie bei einem farbigen Mann noch nie gesehen. „Simon“ stammelte er „Simon ist in größter Gefahr! Er ist mit den falschen Leuten unterwegs. Ich schätze, er wurde bereits gecacht… Vielleicht kann ich ihn noch auf dem Mobiltelefon erreichen…“

Doch das hatte Simon zu dem Zeitpunkt bereits ausgeschaltet…

Dienstag, November 18, 2008

Kapitel 8: Ungewolltes Wiedersehen

Es war ein wunderschöner Herbsttag als Heather Simpson wie gewöhnlich im Vorgarten an ihren Rosenbeeten arbeitete. Vor Jahren musste sie ihren Job aufgeben, war in einen kleinen Vorort von Milwaukee gezogen und widmete seitdem fast ihre ganze Zeit der Rosenzucht. Die Nachfrage nach ihren wunderschönen Edelrosen mit den ungewöhnlich großen Blüten nahm in einem Tempo zu, welchem Heather beim besten Willen mit ihrer Gartengröße nicht nachkommen konnte. Am einfachsten wäre es einen Teil der nördlich an ihre Grundstück grenzenden landwirtschaftlichen Flächen zu pachten. Dort würde die Erde sicher eine ähnliche Qualität besitzen und zudem müsste sie keine weiten Wege in Kauf nehmen.

Während Heather weiter darüber nachdachte, wie sie von dem Bauer die Flächen bekommen könnte, fuhr ein dunkelblauer Kombi an ihrem Vorgarten vorbei. Obwohl es in dieser Gegend nicht unüblich war ein überdimensioniertes Auto zu fahren, bei dem man den Motor Benzin schon glucksen hören konnte, wenn man das Gaspedal nur schief anguckte, durchschlich Heather Simpson jedoch ein ungutes Gefühl. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Jedoch ob Freund oder Feind wurde nicht auf den ersten Blick klar. Seitdem sie in diesen idyllischen Vorort gezogen war, hatte sie sich in ihrer Nachbarschaft einen kleinen Freundeskreis aufgebaut, der ihr das Gefühl von Sicherheit und Stabilität gab. Die Menschen wussten, dass sie ihren Mann verloren hatte und nun wieder versuchte, im normalen Alltag zu Recht zu kommen. Sie mochte ihre Nachbarn und war bei den Kindern in der Umgebung sehr beliebt, weil sie immer einige Bonbons für sie in der Tasche hatte. Vor allem aber war sie dankbar, ihrer Vergangenheit jeden Tag ein Stückchen weiter entfliehen zu können.

Das Telefongeräusch riss sie aus ihren Gedanken. Heather legte die Gartenschere beiseite, zog ihre Gartenhandschuhe ab und lief zum Telefon. Als sie auf der Veranda angekommen war, war das Läuten jedoch bereits vorbei. Sie hasste es wenn Leute nicht genügend Geduld besaßen und so schnell wieder auflegten. Es wurde wohl wirklich Zeit, dass sie sich einen Anrufbeantworter besorgt. Die vielen Kunden ließen ihr so ja kaum noch genügend Zeit sich ausreichend um ihre Rosen zu kümmern. Die letzten Kreuzungsversuche waren vollends gescheitert, weil ein Lieferant ihr Haus nicht finden konnte und sie ihm fast den halben Tag am Telefon den Weg erklären musste.

Der Nachmittag war mittlerweile weit vorangeschritten und Heathers bemerkte erst jetzt, dass sie seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte. Sie beschloss sich schnell umzuziehen und einen kleinen Imbiss beim nahe gelegenen Italiener zu bestellen. Eigentlich hatten die McKennsies sie zum Essen eingeladen. Barbara und John waren herzensgute Menschen und so hatte es ihr Leid getan, die Einladung für heute Abend, wegen der vielen Anfragen von interessierten Blumenläden, absagen zu müssen.
Heather bestellte immer das gleiche Nudelgericht und war bei dem kleinen Italiener bestens bekannt. Früher war sie selbst begeisterte Köchin gewesen, doch für sich alleine kochen machte einfach keinen Spaß, so dass die Flyer der unterschiedlichen Lieferservice sowie die Fertiggerichte nach und nach einen immer größeren Platz an und in ihrem Kühlschrank eingenommen hatten.
Kurz nachdem Heather ihr Bestellung abgegeben hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Als sie die Tür öffnete konnte sie ihren Augen kaum glauben. Eine vertraute Stimme entgegnete ihr: „Heather, leider ist es so weit. Du musst dich beeilen!“.

Montag, November 10, 2008

Kapitel 7: Täuschung

Das Feuer, das im Kamin seines Wohnzimmers loderte, sandte wollige Wellen über Walters kalte Haut.
Aber er schien die Hitze nicht zu spüren. Die Falten, die sich in sein fahles Gesicht kerbten, wurden immer tiefer und seine Augen starrer. Er wusste nicht, wie viel Zeit seit diesem Ereignis, das sein Leben aus den Fugen brachte, verstrichen war. Eine Stunde, zwei? Oder fünf?
Draußen war es längst dunkel und die Sterne brannten klein und kalt am Himmel.
Walters Verstand war immer noch wie benebelt. Die Tatkraft, die er noch vor Kurzen verspürte, versickerte nun gänzlich ungenutzt und ließ ihn leer und ausgebrannt zurück.
Nur verschwommen nahm er ab und zu wahr, wie Youseff sich leise ins Zimmer schlich, ein wenig im Feuer herumstocherte und ein paar Holzstücke nachlegte.

Ein Stück Holz zischte plötzlich im Feuer und ließ Walter zusammenzucken und aus der Trance erwachen, die ihn umfangen hatte. Irgendwo aus dem Sprudel seiner Ängste, tauchte ein einzelner Gedanke auf. Er wurde verraten! Ausgenutzt und ausspioniert! Auf einmal waren die Bilder des vergangenen Abends wieder da und vor seinem geistigen Auge spielte sich die Szene nochmals ab.

Walter hatte seine Rede nicht mal zu Ende bringen und im vollem Umfang von seiner Entdeckung und seinen Visionen berichten können, als er merkte, dass um ihn herum Kopfschütteln und Geflüster losgingen. Zunächst versuchte er sich daran nicht zu stören und die aufkommende Unruhe zu ignorieren. Doch dann wagte der Mann neben ihm, ihm das Wort abzuschneiden.
„Bitte, genug davon!“, sagte er in einem herrischen Ton und befahl ihm mit einer ungeduldigen Geste zu schweigen. Walter sah völlig verblüfft auf. Er fühlte sich so, als hätte man ihm mit voller Wucht einen Schlag ins Gesicht verpasst.
„Meine Herrschaften, wir haben genug gehört“, fügte er schnell hinzu. Dabei erhob er sich von seinem Stuhl und glättete sich mit der Handfläche seine dunkle Kapuze auf dem Kopf.
Und dann fuhr er ohne Umschweife fort:„Ihre Forschungsergebnisse sind uns allen bekannt, Herr Professor Schulte. Wir wurden darüber informiert. Dafür zollt Ihnen unser aller Respekt, da Sie Ihre Aufgabe mit Bravour erfüllt haben. Ihre weiteren Pläne sind jedoch unannehmbar.“
Die Versammelten applaudierten.
Für einen kurzen Moment hatte es Walter die Sprache verschlagen. Er geriet ins Wanken und fragte sich, wem der Applaus gegolten hat. Ihm für seine Forschung? Oder diesem Mann, dessen Name er nicht mal kannte?

Bevor Walter noch seine Gedanken sammeln konnte, um zu kontern, sprach dieser schon weiter: „Sie wollen die Welt retten? Sie möchten das allgegenwärtige Wissen des Universums allen zugänglich machen? Und Sie möchten tatsächlich, uns davon überzeugen, dass Sie der Richtige sind, um uns alle zu führen?“ Während er sprach, ließ er eine Menge Spott in seiner Stimme mitklingeln. Der Mann begann in dem großen Saal auf und ab zu gehen. Die Augen der am Tisch Versammelten folgten ihm bedächtig.
Warum widersprach ihm niemand, wunderte sich Walter. Warum war es der Gemeinschaft nicht wichtig, ihr Wissen einzusetzen? Und woher kannten diese Menschen vorher schon seine Pläne?
Und dann mischte sich doch noch ein weiteres Mitglied des Geheimbundes ein:
„Herr Professor Schulte, Sie haben doch nicht ernsthaft geglaubt, dass Sie uns vorschreiben können, was zu tun ist!“ Der Mann hüstelte gedämpft. Es hörte sich an, ob er sein Lachen mit einem Hustenanfall kaschieren wollte.
Walter schaute sich entsetzt um und gewann plötzlich den Eindruck, dass alle hier Versammelten sich über ihn lustig machten.
Das hatte er nicht verdient. Das war wirklich zu viel für ihn.
Plötzlich schien eine geballte Ladung aus Wut in seinem Innerem zu explodieren. Er glühte vor Zorn. Schweiß brach unter seinen Handflächen und im Nacken aus.
Und dann brauste er auf: „Was geht hier vor? Was fällt Ihnen ein! Ich lasse es nicht zu, dass Sie mich so behandeln! Ich habe gezeigt, wie genial ich bin und verlange Anerkennung!“.
Nach diesen Worten herrschte für einen Augenblick eine vollkommende Stille.
„Verlassen Sie auf der Stelle diesen Raum!“, ertönte plötzlich eine schneidende Stimme. „Sie sind nicht würdig, unter uns zu sein!“ Die Stimme gehörte einem Mann, der ihm gegenüber am anderem Tischende saß. Der Unterton klang bedrohlich und ließ keinen Widerspruch zu. Der Mann erhob sich mit ruckartiger Bewegung und zeigte mit der Hand in Richtung des Ausgangs. Alle anderen standen ebenfalls auf und warteten, was nun passieren würde.
Gedemütigt wandte sich Walter ab und verließ das Arbeitskabinett.

Diese Szene würde Walter am liebsten für immer aus seinem Gedächtnis auslöschen. Jeder Gedanke daran schnitt ihm erneut ins Herz und löste einen Schmerz aus, der heftiger war, als andere, was er zuvor hatte ertragen müssen.

Und nun saß er da und wusste nicht, was auf ihn zukommen wird. Was war mit seinen großartigen Plänen und Träumen?
Er hatte Angst. „Wird man mich aus der Gemeinschaft ausschließen?“, fragte er sich.
„Werde ich noch überhaupt die Weihe erhalten? Werde ich dieses Haus verlieren, all die schönen Werke nie wieder zu Gesicht bekommen und lesen dürfen? Aber will ich unter diesen Umständen noch zu diesen Leute gehören? Könnte ich tatsächlich meinen Lebenstraum vergessen und für immer begraben?„
Verzweifelt vergrub Walter sein Gesicht in den Händen.
„Das darf nicht passieren“, wiederholte er ständig in Gedanken, als müsste er sich selbst noch davon überzeugen. „Es ist meine geniale Forschung, die so erfolgversprechend ist. Dafür hatte ich gelebt, für diese Idee hatte er auf so vieles verzichtet. Was habe ich bloß falsch gemacht? Wie konnte man mich so täuschen?“
So viele wilde Gedanken rasten Walter durch den Kopf. Aber eins wurde ihm dabei bewusst. Er würde nie aufgeben!
Er hat sich nie davon abbringen lassen, weiter zu forschen. Auch damals nicht, als das CIA ihm einen neuen Nachnamen verpasste und ihm die Stelle bei C.E.R.N. besorgte. Nur aufgrund seiner hervorragender Beziehungen durfte er als Einziger von seinem ehemaligen Team noch als Physiker weiter arbeiten. Von seinem Informanten hatte er erfahren, dass es seine früheren Kollegen schlimmer erwischt hatte. Einer von ihnen war inzwischen ein ziemlich schlechter Journalist geworden, einer sogar ein Koch, und eine Kollegin, die früher eine der klügsten Köpfe auf ihrem Gebiet war, musste sich jetzt tatsächlich mit Blumenzüchten abgeben. Was für eine Verschwendung und Schande!
Aber Walter könnte nicht resignieren und für immer schweigen! Er war kein Feigling
Er musste an sein Vorbild, den Philosophen Al- Kindi denken. Dieser war auch nicht zum Schweigen zu bringen..
Dieses Wissen gab dem verzweifelten Mann neue Kraft.
Mit einem Schlag war die Lethargie der letzten Stunden verschwunden. Trotz der tiefen Müdigkeit fingen seine Augen wieder fiebrig zu glänzen. Ein neuer hoffnungsvoller Gedanke formte sich in seinem Verstand. Walter hatte einen Plan, einen, der noch nicht ganz ausgekoren war, aber es war zumindest schon ein neuer Anfang. Er wusste, dass er behutsam vorgehen muss, aber er würde es schaffen.
Allerdings regte sich neben diesem Ehrgeiz in dieser Nacht noch ein anderes Gefühl in ihm. Es war Hass, harter, schonungsloser Hass eines tief enttäuschten Mannes.


Edda

Dienstag, November 04, 2008

Kapitel 6: Verdammt

„Verdammt!“ schoss es Simon durch den Kopf. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ Er hatte in der Eile seinen Rucksack in der Wohnung liegen lassen. Einschließlich seiner Papiere! „Verdammt!“ Ohne die würde er kaum in die Schweiz einreisen können! Und sein Geld! Was sollte er jetzt tun? Er musste noch mal in seine Wohnung zurück, das war klar! Aber wann war der günstigste Zeitpunkt? Sollte er warten, bis dieser Bachinski wieder ging? Doch wann würde Bachinski wieder gehen? Würde er wieder gehen? Und warum war er überhaupt da? Sie hatten sich doch für um zwei im Cafe Berio verabredet! Woher wusste Bachinski, wo Simon wohnte?

Verwirrt und unschlüssig riskierte Simon einen weiteren Blick über das Geländer und sah Bachinski nach wie vor seiner Haustür hocken. Minuten vergingen. Bachinski blieb und schaute leer in die Gegend. Ab und zu klopfte er an Simons Tür. Natürlich vergebens. Dachte er, Simon würde durch das Fenster nach Hause kommen? Idiot!

Doch wie sollte Simon jetzt weiter vorgehen? Er versuchte vor seinem geistigen Auge, die ihm verbliebenen Möglichkeiten durchzuspielen: wenn er…
„Guten Tag Herr Gross!“ urplötzlich ertönte hinter Simon eine tiefe männliche Stimme.
Die Angst schoss Simon ins Gesicht. Er hatte niemanden kommen hören! Wie war das möglich? Instinktiv griff er sich an die Brust, dort wo früher seine Waffe im Halfter saß. Früher! Jahre war das schon her!
„Herr Gross, ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Simon hielt inne.
„Herr Gross? Haben Sie was mit dem Herzen? Soll ich den Notarzt rufen?“

Erst jetzt begriff Simon. Die Paranoia waren also wieder da! Willkommen! Er drehte sich langsam um und blickte erleichtert in das runde Gesicht eines alten Mannes. Sein Nachbar aus der 3. Etage, der ihn aus der spaltbreit geöffneten Tür anstarrte.
„Ja, alles in Ordnung Herr… äh, alles prima!“
Simon hatte sich noch nie für seine Nachbarn interessiert. Und die Namen erst recht nicht! Doch irgendwie musste er jetzt reagieren. Die Situation erklären. Sonst würde der Alte nicht gehen.

„Wissen Sie“ begann Simon im Flüsterton, seinen rechten Zeigefinger mit der Fingerspitze zur Nase zeigend, auf seinen Lippen gelegt „Dieser Mann dort…“ Simon zeigte in Richtung seiner Haustür und schnappte nach Luft. In den Augen des Nachbarn blitzte ein erwartungsfroher Funken. Er hatte sicher nicht viel Abwechslung in seinem Alltag.

Simon brauchte jetzt Zeit zum Überlegen. Langsam stand er auf und ging betont leise auf den Rentner zu. Nun galt es, sich spontan eine glaubhafte Geschichte zurecht zu legen.
„Der Mann verfolgt mich!“ hörte Simon sich sagen, doch ums Verrecken wollte ihm nichts Kreatives einfallen
„Und jetzt hockt er vor meiner Tür…“ nun musste ein Geistesblitz her
„dieser Mann“ irgendwas Unverdächtiges
„…dieser Mann ist von der GEZ!“
Eine Pause folgte. Dieser Mann ist von der GEZ! Etwas Dümmeres hätte Simon wohl nicht einfallen können! GEZ!

„Ah so, verstehe!“ flüsterte der alte Mann. „Wollen Sie schnell reinkommen bis er wieder weg ist? Eine Plage diese Burschen“ Die Tür ging zu. Verwundert hörte Simon die Türkette klappern. Dann ging die Tür wieder auf. Jetzt war sie sperrangelweit offen. Wider Erwarten hatte ihm der alte Mann die Geschichte abgekauft! Unglaublich! „Trinken Sie Kaffee?“ fragte er.

Simon beschloss rein zu gehen. Doch plötzlich vernahm er polternde Schritte von der Treppe. Gert Bachinski hatte sie gehört und spurtete nun die Treppe hinauf.
„Los, schnell rein!“ rief Simon dem Rentner zu und drängte ihn in die Wohnung zurück. Doch der Rentner war schwer und scheinbar langsam von Begriff. „Mensch, mach schon!“ Simon konnte den dicken Rentner nicht bewegen. Erst als Bachinski mit voller Wucht gegen die beiden Männer prallte, sie förmlich umrannte, stürzten alle drei rücklings in die Wohnung hinein. Ein lautes dumpfes Geräusch folgte. Der Rentner war sehr unglücklich auf dem Hinterkopf aufgekommen. Blut war zu sehen.

„SIE sind da!“ rief Bachinski aufgeregt „Wir müssen hier sofort weg!“
Simon begriff. Doch woher wusste Bachinski davon? Und wie sollten sie fliehen? Sie waren im 3. Obergeschoss! Und das Treppenhaus war nun tabu!

Bachinski zog den bewusstlosen Rentner eilig in die Wohnung hinein und schloss die Tür hinter sich ab. Am Boden war jetzt eine lange Blutspur zu sehen. Simon lief ins Wohnzimmer und sah sich hektisch um. Auf dem Coachtisch lag die Geldbörse des alten Mannes. Simon steckte sie kurzerhand ein. Man konnte nie wissen! Dann bemerkte er den großen Balkon mit Blick zum Hinterhof. Die durchgängigen, vom Erdreich bis ins Obergeschoss reichenden Stützen des Ballon-Konstruktes, waren Simon sonst immer ein Dorn im Auge gewesen. Unästhetisch, wie er fand. Doch heute konnten sie seine Rettung sein. Vielleicht ließen sie sich als eine Art „Feuerwehrstange“ verwenden!

„Herr Bachinski“ rief Simon seinen neuen Mitstreiter herbei und deutete auf eine der Stützen „Wollen wir das versuchen? Trauen Sie sich das zu?“
Bachinski zögerte. Immerhin war er nicht mehr der Jüngste. Vielleicht Ende Fünfzig, schätze Simon.
„Ja! Das könnte funktionieren“ entgegnete Bachinski und ging entschlossen auf den Balkon zu. Dann stoppte er abrupt „Sollen wir nicht zunächst einen Arzt rufen? Vielleicht lebt der alte Mann noch!“ Der alte Mann! Sein Nachbar! An ihn hatte Simon gar nicht mehr gedacht.
„Ja, Sie haben Recht“ sagte Simon, eilte zum Telefon und wählte die 112.

„Hier Notruf 112. Mein Name ist Martina Meier. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Äh, hier ist Simon Grooo…“ stammelte Simon. Fast hätte er sich verplappert. „Simon Grothe. Hören Sie - mein Nachbar aus der 3. Etage hatte einen schweren Unfall. Die Adresse ist Raumerstraße 19“.
„Befinden Sie sich in Berlin Herr Grothe? Ich sehe eine Berliner Telefonnummer!“ hörte er auf der Gegenseite fragen „Und wie ist der Name des Mannes?“.
„Ja, Berlin“ antwortete Simon. Dann legte er auf. Er hatte schon zu viel gesagt. Sie durften keine Zeit mehr verlieren. Sie mussten weg.

Simon lief zum Balkon, öffnete die Tür, stieg über das Geländer und rutschte langsam an einer der schmalen Stützen hinunter. Es war leichter, als er es erwartet hatte. Auch Bachinski folge ihm zügich und mühelos. Niemand schien sie zu bemerken.

„Ich habe mein Auto in der Querstraße geparkt“ sagte Bachinski unten angekommen und eilte vor. Doch Simon wollte sich noch nicht endgültig von seiner Wohnung trennen. Vielleicht konnte er doch an seinen Rucksack gelangen? „Bachinski!, sagte er „ich möchte noch einen kurzen Blick auf den Eingang riskieren.“ Bachinski stoppte und nickte. „Aber lassen Sie uns schon mal ins Auto steigen! Wenn was passiert, können wir schneller weg!“ Das machte Sinn. Simon willigte ein. Über einen Seitenweg gelangten die beiden Männer aus dem Hinterhof in die Querstraße und erreichten nach wenigen Schritten Bachinskis Wagen. Ein silberner BMW Z4. Ein Sportwagen! Wie diskret!
„Parken Sie den Wagen so, dass wir nicht gesehen werden, aber noch den Eingangsbereich einsehen konnten.“ sagte Simon im Befehlston. Sauer, weil ihm der Wagen zu auffällig war. Bachinski gehorchte und fand auch einen Platz, der den genannten Anforderungen gerecht wurde.

Dann versuchte Simon die Situation zu erfassen. Direkt vor dem Haus waren mehrere Autos zu sehen, doch etwas Ungewöhnliches konnte er nicht entdecken. Plötzlich ertönte ein lautes Signal. Ein Martinshorn. Ein Rettungswagen bog in die Raumerstraße ein. Kurze Zeit später folge ein Notarztwagen und die Polizei. Mehrere Männer verschwanden im Haus. Viele Minuten vergingen. Vielleicht eine halbe Stunde. Simon und Bachinski schwiegen sich lange Zeit an.
„Sie haben ihn wohl gefunden.“ stellte Bachinski irgendwann fest, „Sollen wir fahren?“
Simon begann sich zu fragen, wo denn die Männer, seine angeblichen Verfolger abgeblieben seien. Waren sie nun in seiner Wohnung? War denn wirklich jemand in das Haus gestürmt?

„Bachinski“ begann er, „wen haben sie ins Haus kommen sehen?“
Doch Bachinski antwortete nicht. Stattdessen deutete er mit dem Finger auf einen langen schwarzen Kombi, der nun in die Straße einbog. Eindeutig ein Leichenwagen. Der alte Mann war also tot!
„Haben Sie Fingerabdrücke hinterlassen? Haben Sie irgendwas angefasst? “ fragte Bachinski unerwartet sachlich und ruhig.
„Nein“, antwortete Simon, „…außer den Griff der Balkontür und den Telefonhörer und… eigentlich haben sie auch meinen Namen!“. Simon lief ein kalter Schauer den Rücken runter. Sie wussten auch, dass er ein Nachbar des Toten war. Sie würden in seine Wohnung einsteigen. Seinen Rucksack entdecken. Die nicht registrierte Waffe finden, die er in seine Wandersocken eingewickelt hatte.
„Wollen wir es nicht der Polizei erklären?“ fasste Bachinski noch mal nach, „jetzt könnten wir das noch tun! Wenn wir fliehen, glaubt uns später kein Mensch mehr!“
Simon dachte kurz nach. Die Polizei konnte ihm sicher nicht den Schutz geben, den er brauchte. Und sogar David Moore hatte ihm gesagt, er müsse sofort fliehen. Er hatte nur 24 Stunden, um in die Nähe von Genf zu gelangen. Nein, jetzt waren es sogar nur noch knapp 22 Stunden. Er hatte keine Zeit, kein Geld, keine Papiere und keinen Plan. Und zu allem Überfluss hatte auch noch diesen Bachinski am Bein.
„Nein“ beschloss Simon „wir sollten schauen, dass wir hier weg kommen“.
Bachinski schaute bedeutungsvoll in Simons Gesicht und nickte. Dann setzte er den Sportwagen in Bewegung.

Ein letztes Mal blickte Simon auf sein altes Zuhause zurück, schloss die Augen und verabschiedete sich innerlich von seiner jetzigen Identität. Irgendwie hatte er sie lieb gewonnen. So entging ihm auch das hämische Grinsen, das sich nun breit in Bachinskis Gesicht formte.

Sonntag, November 02, 2008

Kapitel 5: Aufbruch

„Wieso? Was ist …“ begann Simon, doch da wurde er schon von David Moore unterbrochen:
„Hör einen Moment gut zu. Du hast keine Zeit zu verlieren. Schnapp Dir nur das Nötigste. Die Agency ist bereits unterwegs zu Dir, aber ich kann nicht garantieren, dass wir rechtzeitig da sind, bevor Dich andere, ziemlich unangenehme Personen erreichen werden. Daher schlage ich vor, dass wir uns in spätestens 24 Stunden in der uns beiden bekannten Hütte im Genfer Becken treffen. Versuche unorthodoxe Verkehrsmittel zu nehmen oder ganz allein zu reisen. Ich werde auch kurzfristig in Genf erscheinen und Dir dann alles weitere erklären. Für mehr ist jetzt leider kein Zeit. Ich wünsche Dir Glück, Simon.“
Und schon war das doch recht einseitige Telefonat beendet. Es war jetzt halb 11. In 24 Stunden nahe der französischen Grenze zu sein, würde bedeuten das Treffen mit Bachinski absagen zu müssen. Was aber, wenn Bachinski Informationen hatte, die Licht in dieses riesige Dunkel bringen könnten?!
Für solche Überlegungen war jetzt keine Zeit, beschloss Simon. David war, solange er ihn schon kannte, immer der ruhige Fels in der Brandung gewesen, so dass Simon davon ausgehen konnte, dass dieses Mal wirklich Eile geboten war.
Simon schmiss sein schnurloses Telefon, welches er immer noch mit schon weiß gewordenen Knöcheln fest umklammert gehalten hatte, in die Ladestation und machte geschwind 2 Schritte von der Anrichte auf sein teures, aber unbequemes Sofa zu. Das Sofa schien aus einem großen Stück Plastik heraus gesägt worden zu sein und berührte mit allen 4 Seiten den Boden, so dass keine Füße erkennbar waren. Tatsächlich handelte es sich auch um ein großes monolithisches Stück Kunststoff , welches innen, bis auf wenige Aussteifungen, hohl war. Simon stieß das Sofa, mitsamt den Zeitschriften und darauf verstreuten Klamotten um und ergriff den 35 Liter fassenden Notrucksack, den er für eben solche Fälle darunter versteckt hatte. Alle paar Monate, wenn er Notrationen im Rucksack mal wieder nach Verfallsdatum überprüfte, hatte er sich schon gefragt unter welcher Paranoia er augenscheinlich litt. Nun sollte sich allerdings herausstellen, dass er stets gut daran getan hatte, sich ein solches Notbündel zu schnüren.
Wechselklamotten, Riegel und Notrationen mit einigen 1000 Kalorien, Pass, Bargeld, eine bisher nie benutze Kreditkarte zu einem Konto mit einer ausreichenden Summe, sowie verschiedene Survival Ausrüstungsstücke waren enthalten.
Simon schnappte sich seine Jacke und beschloss, mit einem Blick auf seine überall in der Wohnung stehenden Schuhpaare, dass Turnschuhe und Sneaker vielleicht nicht die richtige Schuhwahl sein könnten. Je nachdem würde er Wege einschlagen müssen, die nach besseren Schuhwerk verlangten. Also sprang er in seine knöchelhohen Wanderstiefel und machte die wenigen Schritte zur Tür, bevor er sich nochmal umdrehte.
Schon komisch, seine Wohnung auf diese Art und Weise verlassen zu müssen. Vielleicht würde er nie wieder hier hin zurückkehren.
Simon fasste sich wieder schnell und lief schnellen Schrittes in das Treppenhaus des vierstöckigen Mietshauses. Seine Wohnung befand sich im 2. Stock und er hatte folglich nur 4 kurze Treppenstücke und 2 Podeste vor sich, bis er die Haustür erreichen würde. Was würde er dann tun ? Die Straße hinunterlaufen, eine Menschenmenge suchen und sich dort erst einmal sammeln, um das weitere Vorgehen zu durchdenken ? Was, wenn man ihn bereits vor der Haustür erwartete ?
Plötzlich klingelte es. Gleich mehrmals. Das war ja bei ihm, schoss es Simon durch den Kopf. Instinktiv schloss er die Wohnungstür von außen und huschte 2 Treppenabsätze nach oben, als er den Türsummer hörte. Irgendjemand im Haus musste geöffnet haben. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass es der Postbote war, der ein Paket brachte.
Simon kauerte sich auf den Absatz zum 3. Geschoss und blickte zwischen den Treppenläufen nach unten zu seiner eigenen Wohnungstür. Das könnte gerade mehr als dumm sein, denn falls man ihn suchte, würde man bestimmt auch das ganze Haus absuchen, dachte Simon in dem Moment, als eine gedrungene Gestalt mit lichtem Haar vor seiner Wohnungstür zum Stehen kam und erneut klingelte.
Der Mann im Trenchcoat schien völlig ausser Atem und klopfte gegen die Tür von Simons Wohnung.
„Herr Gross. Bitte öffnen Sie. Ich bin es, Gert Bachinski. Ich muss doch mit Ihnen sprechen.“, sagte der Mann, mit einer kaum mehr zu hörenden Stimme, bevor er sich hinhockte und sich mit dem Rücken zur Tür, völlig entkräftet zu Boden sinken ließ.

Freitag, Oktober 31, 2008

Kapitel 4: Tarnung

Das Wetter war ganz und gar nicht nach Simons Geschmack. Die Erkältung, mit der er sich schon seit Tagen herumplagte wurde langsam zu einer ausgedehnten Grippe. Am Morgen hatte er sich in seiner Redaktion krank gemeldet und verbrachte seitdem seine Zeit damit die Termine für den heutigen Tag zu verlegen. Als Journalist war es nicht immer leicht die genauen Kontaktdaten von seinen Informanten zu erhalten. Oft waren es anonyme Tipps oder Treffen mit Personen unter falschen Namen, die zu viel Angst hatten, dass ihre wahre Identität an den Tag kommen könnte.

Wenn er sich doch die Telefonnummer von diesem Gert Bachinski notiert hätte! Wie gerne würde er das Treffen heute um 14 Uhr absagen. Seine Gedanken kreisten um das Telefonat vom gestrigen Nachmittag. Bachinski war für ihn ein Unbekannter. Zwar hatte er schon des Öfteren Treffen dieser Art vereinbart, doch kam ihm dieser Mann am Telefon äußert suspekt vor. Warum hatte er sich ausgerechnet an ihn gewandt und hielt ihn für vertrauenswürdig? Simons schrieb in seinen Artikeln größtenteils über das Sportgenre – Dopingskandale und illegale Sportwetten.

Gestern, am späten Nachmittag, hatte er noch die angekündigten Unterlagen erhalten, sich dann aber aufgrund von Kopfschmerzen und Fieber direkt mit den Papieren auf den Weg zu seiner Wohnung in Pankow gemacht. Da das Auto als Beförderungsmittel während der Rush-Hour eine einzige Katastrophe war, hatte Simon seinen alten schwarzen Fiesta stehen lassen und den Bus genommen. Einen ersten Blick in die Unterlagen konnte Simon bereits werfen. Dieser ließ ihn sofort erkennen, dass es sich nicht um einen seiner üblichen Artikel handeln würde. Es waren jede Menge Dokumente, Statistiken und Diagramme. Insbesondere die vielen geschwärzten Namen machten ihn stutzig. Wo doch normalerweise es gerade das Ziel seiner Informanten war, andere öffentlich bloßzustellen. Der Inhalt der einzelnen Papiere war bei seiner Gemütsverfassung mehr als verwirrend, so dass er beschloss die Unterlagen erst vor dem Gespräch genauer zu prüfen. In seiner Wohnung angekommen hatte Simon die Unterlagen auf sein Designer-Sofa gelegt, für das er ein ganzes Monatsgehalt hatte zahlen müssen. Er wollte sich wenigstens etwas wie früher fühlen, zu der Zeit, als ihm mehr Geld zur Verfügung stand als er ausgeben konnte.

Das Wetter hatte sich am Morgen immer noch nicht gebessert. Der Wind peitschte mit einer solchen Wucht gegen die Fenster, dass die kalte Luft förmlich durch die ganze Wohnung zu strömen schien. Er musste unbedingt mit seinem Vermieter sprechen. Der Herbst hatte gerade erst begonnen und die Winter in Berlin konnten sehr kalt werden. Nachdem Simon zwei Aspirin eingenommen hatte, fühlte er sich etwas besser und in der Lage, die Unterlagen zur Vorbereitung auf sein Treffen mit Bachinski in ein paar Stunden genauer zu studieren. Es dauerte seine Zeit bis Simon begriff was er dort in seinen Händen hielt. Wenn diese Unterlagen der Wahrheit entsprachen, dann würden sie einen Umbruch für die Physik bedeuten! Die Dokumente waren alle mit einer kleinen Überschrift versehen: Die Kontrolle der Higgs-Teilchen.
Mit einem Mal war Simon hellwach. Woher kannte Bachinski sein ehemaliges Interesse an genau dieser Forschung? Wie war man ihm auf die Schliche gekommen? Hatte er seine Spuren aus der Zeit vor seiner Journalistischen Karriere nicht gut genug verschleiern können? Trotz eines großen Schlucks heißen Tees, durchlief ihn ein eiskalter Schauer. Er brauchte einige Minuten bis er wieder geistesgegenwärtig war. All die Jahre, in denen er eine neue Identität aufgebaut hatte! Ohne Kontakt zu Freunden und seiner Familie. Simon bekam Angst. Was sollte er tun?

Nach einigen Minuten, die Simon wie Stunden vorgekommen waren, wählte er die Nummer seines Kontaktmanns beim CIA. Agent Moore war der Einzige, dem er vertrauen konnte. Der sein Geheimnis, seine ganze Vergangenheit kannte und eigentlich auch der Einzige war, der wusste, wo er sich aufhielt. Es dauerte bis die Telefonverbindung aufgebaut war. „CIA Hauptzentrale, was kann ich für Sie tun?“, meldete sich eine freundliche Stimme in englischer Sprache.
„Meine Kennung lautet Charlie-Victor-Foxtrot-One-Two-Quebec-Echo, bitte verbinden Sie mich!“. Simon hörte nur ein kurzes Klicken und eine vertraute Stimme meldete sich an der anderen Leitung. „ Mein Gott Simon, ein Glück , dass du anrufst. Es ist etwas passiert! Ich habe schon versucht Dich anzurufen. Du musst sofort untertauchen!“.

Freitag, Oktober 24, 2008

Kapitel 3: Treffen

Walter, der inzwischen zu Hause angekommen war, betrachtete nochmals die Kopien der Pläne. Obwohl es verboten war, Arbeitsmaterial, nach draußen zu schmuggeln, ist es ihm gelungen, die strengen Sicherheitsvorkehrungen umzugehen. Er war eben ein Fuchs, dachte er zufrieden.
Beim Betrachten der Unterlagen überkam ihn immer wieder ein unglaubliches Triumphgefühl. Es war eine Art fiebriger Erregung, die Besitz von ihm ergriff und nicht mehr loszureißen schien. Ein hochmütiges Lächeln breitete sich über seine Gesichtszüge.
Endlich hat er sein Ziel erreicht! Er hat den entgültigen Bewies für seine Theorien gefunden. Es hat Jahrzehnte harter Forschungsarbeit bedurft, aber es hat sich gelohnt! Eine innere Stimme widersprach ihm kurz, denn es war nicht nur sein Verdienst, sondern auch von seinen Kollegen aus einem früheren, fast schon vergessenen Leben...
Diesen Gedanken verdrängte Walter sofort, denn er wusste, dass er immer der Beste war. Früher und auch jetzt! Keiner konnte ihm das Wasser reichen. Nun musste er nur noch die entsprechenden finanziellen Mittel bekommen, um, seine These der Welt vorzuführen.
Für einen kurzen Augenblick erschien in Walters Augen das alte manische Glimmern wieder.

Vor Kurzen hatten seine Mitarbeiter in C.E.R.N. die supersymmetrischen Teilchen an LHC entdeckt und mit dem baldigen Erreichen von Lichtgeschwindigkeit eröffneten sich auf dem Gebiet der Physik und der Astronomie ungeahnte Möglichkeiten. Seine Kollegen feierten sich jetzt schon als Champions, aber er konnte ihnen nur ein Gefühl von Verachtung entgegenbringen.
Diese Menschen waren zwar hervorragende Physiker, ohne Zweifel sehr gut geschulte Fachleute und Spezialisten auf ihren Gebiet, und doch Unwissende, die überhaupt nicht in der Lage waren, die wahre Tragweite ihrer Entdeckung zu begreifen. Was wussten diese Schnösels schon von den existenziellen Wahrheiten des menschlichen Daseins, von der Zeitlosigkeit und der Distanzlosigkeit des menschlichen Bewusstseins?
Es kostete Walter immer so viel Mühe, ihnen gegenüber respektvoll aufzutreten.
Auf eine Art taten ihm sogar solche Menschen leid, denn sie würden im Gegensatz zu ihm, nie zu höheren Sphären vordringen können.
Plötzlich verschwand sein Lächeln gänzlich und seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen. Er wusste ganz genau, dass fast die ganze Menschheit aus solchen oberflächigen und geistarmen Wesen bestand. Seine Entdeckung, die die Strukturen des menschlichen Lebens und das ganze Bewusstsein verändern würde, konnte von solchen von ihnen nicht begriffen werden. Die Menschheit war zum größten Teil geistig noch nicht in der Lage, sein Forschungsergebnis zu erfassen. Sie brauchte einen geistigen Führer.
Walter atmete, überwältigt vor seinen Gefühlen, tief durch. Er wusste ganz genau, dass er es schaffen könnte. Er, Walter, würde das Gemeinschaftsschicksaal der Menschheit mitbestimmen.

Er war noch ganz in seine Visionen verstrickt, als eine Bewegung an der Tür, ihn aus seinen Gedanken riss. Es war Youseff. Dieser alte Mann gehörte sozusagen zum Inventar des Hauses und war so eine Art Mann für alles.
Walter mochte ihn nicht besonders, aber er hatte keine Wahl. Als die Eingeweihten ihm vor drei Jahren anboten, für sie zu arbeiten und dieses Haus zu führen, war dies eine der Bedingungen, dass er Youseff nicht entlassen darf.
Aber bald, wenn er mächtiger wird und endlich die Weihe bekommt! Wenn er endlich einer von ihnen wird, dann lässt er sich nicht mehr alles gefallen!
„Herr Schulte, es ist an der Zeit...“, hörte er die unverkennbare zittrige Stimme.
Walter gebot ihm mit erhobenen Hand Ruhe. Es war nicht notwendig, viel zu reden.
Langsam stand er auf, faltete die auf dem Tisch verstreuten Dokumente sorgfältig zusammen, und folgte dem gebeugten Mann durch den langen Korridor zu einen engen Raum, der auf den ersten Blick wie eine Abstellkammer wirkte. Wie durch eine Geisterhand begann diese Räumlichkeit zu vibrieren und setzte sich ganz leise in Bewegung. Es ging mehrere Stockwerke herunter. Von dort aus dauerte es noch eine Weile, bis die beiden Männer das Arbeitskabinett erreichten. Es war zwanzig Meter lang, zehn breit und fünf hoch. Jede Wand säumten hohe Regale, die mit unzähligen Büchern beladen waren.

Es waren immer wieder die gleichen Empfindungen, die auf Walter beim Betreten diesen Saales einströmten. Es war das Gefühl der Erhabenheit und der Macht, vor allem, wenn er daran dachte, dass er schon in Kürze ein würdevoller Mitglied dieser uralten Geheimorganisation werden würde.
Bisher durfte Walter nur organisatorische Tätigkeiten durchführen und nur ab und zu als passiver Zuhörer bei den geheimen Treffen teilnehmen. Allerdings, blieben alle Gesichter der Mitglieder unter den dunklen Kapuzen für ihn unsichtbar und er wurde zwischendurch aufgefordert, den Raum wieder zu verlassen. Trotzdem fühlte er sich jetzt schon als einer von ihnen.
Jedes Mal beim Begehen dieses Kabinetts schüttelte er regelrecht seine weltliche Existenz ab und in seinem Innerem schien tatsächlich eine Wandlung vorzugehen. Er war nicht mehr der renommierte Professor, Dr. Walter Schulte, der für die Europäische Organisation für Kernforschung in Genf arbeitete, sondern ein Mystiker und ein Philosoph.
Diese Seite von ihm kannte niemand von seinen Arbeitskollegen in C.E.R.N. Aber auch früher, als er noch vor vielen Jahren mit einem anderem Team an einem ähnlichem Forschungsprojekt arbeitete, hatte er es geschafft, sein großes Interesse an Spiritualität und die damaligen Kontakte zu der Geheimorganisation zu verheimlichen.

Den Sitzungsraum der Eingeweihten beherrschte ein riesiger Holztisch in Mahagoni, der mit geheimnisvollen Schnitzereien verseht war. Auf dem Tisch befand sich ein Pergament, der eng mit der lateinischen Handschrift beschrieben war und auf dem Abbildungen von Planeten zu sehen waren. Mit erhobenen Kopf trat Walter an den daneben stehenden, thronähnlichen Sessel heran und nahm dort würdevoll Platz. Das war das erste mal, dass dies ihm erlaubt wurde. Ansonsten saß er auf einem kleinem Hocker in einer dunklen Ecke des Raumes, um nicht aufzufallen und zu stören.
Neben dem Tisch stand ein bronzefarbener, siebenarmiger Leuchter, dessen Kerzenlicht eine mystische Stimmung verbreitete und die Bücherregale zu bizarren Schatten werden ließ.

Wie immer, konnte Walter hier seinen Blick nicht von all den Werken in den Holzregalen losreißen. Inzwischen mussten es Tausende sein. Walter war immer schon ein passionierter Sammler und ein Genießer. Wie gerne wäre er der Eigentümer all dieser wundervollen Bücher und nicht nur der Verwalter.
Meistens handelte es sich um alte Handschriften, um all die Perlen und Weisheiten von der christlichen Offenbarung zur jüdischen Kabbala, von der Religion der Zarathustra bis zu den Theorien von Platon.
In dieser Geheimbibliothek befindet sich auch das Juwel der Sammlung, ging es Walter durch den Kopf und seine Brust schwoll vor Stolz an, denn es war für ihn eine große Ehre, es im Original lesen zu dürfen. Jedes Mal lief ihm ein wohltuender Schauer über den Rücken, wenn er an die alte Übersetzung des Buches von Al-Kindi denken musste.
Und hier, in diesen Räumlichkeiten, würde er in wenigen Augenblicken die elitäre Gemeinschaft der Kundigen treffen, deren geheimnisvolles Wissen von Generationen zu Generationen an sie weiter gegeben wurde. Und wenn er endlich die entsprechenden Mittel zur Verfügung bekommt, wird er in der Lage sein, dieses Wissen durch stichhaltige Nachweise zu belegen. Das hat noch niemand in der Menschheitsgeschichte vor ihm gewagt und auch niemand geschafft. Dieser Gedanke ließ ihn ein grenzenloses Machtgefühl empfinden, vermischt mit dem Drang, sich der kommenden Aufgabe gänzlich zu stellen. Gleichzeitig überkam ihn eine bisher unbekannte Erregung und die Zukunftsvision brannte wie Ameisenbisse unter seiner Haut.
„ Ja, die Zeit ist reif. Es ist tatsächlich Zeit, sich festzulegen“, flüsterte er leise. Walters reptilienschmalen Lippen verzogen sich zu einem subtilen Lächeln.

„Sind Sie bereit?“ Es war die Stimme seines Angestellten.
Walter nickte. Seine kerzengerade Haltung und der undurchsichtiger Ausdruck in seinem Gesicht verrieten nichts von seiner inneren Verfassung.
Kurz darauf ertönte ein siebenfacher, sehr lauter Gong und ein massives Tor auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich. Walter sprang auf und verbeugte sich tief.
Erst als alle an dem massiven Tisch Platz nahmen, erhob er sich wieder.
Er begann seine Rede: „Wie oben, so unten; wie im Himmel so auf Erden, wie im Makrokosmos, so im Mikrokosmos.“




Edda

Sonntag, Oktober 19, 2008

Kapitel 2: Cern

Das späte Abendlicht fiel durch die halb geöffneten Rollläden des kleinen Büros in Richtung des mit Zeichnungen übersähten Schreibtisches.
Walter hielt das bauchige Glas den Lichtstrahlen entgegen.
Eine fast schwarze Farbe hatte der Wein.
Erneut steckte Walter seine Nase tief in das Glas, um alle Duftelemente in sich aufzusaugen.
Sauerkirsche, Cassis und Teergeruch schien ihn komplett zu umgeben und der erste Schluck schwemmte ein ganzes Aromenspiel von Früchten, Holz und Bitterschokolade in seinen Mund.
Ja, so konnte man es sich gut gehen lassen.
Für irgendwas musste er ja das ganze Geld ausgeben, denn jünger wurde er nicht gerade. Die an sich mausbraunen Schläfen waren mittlerweile graumeliert und 2 tiefe Denkerfalten schienen sich gerade erst in den letzten 5 Jahren auf seiner Stirn breit gemacht zu haben.
Die Arbeit am Teilchenbeschleuniger LHC in Genf setzte ihm sehr zu.
Feierabend - so ein Wort kannte Walter gar nicht.
Seine Kollegen wussten seine Arbeitswut und seine Loyalität mehr als zu schätzen. Oft erhielt er Zusatzaufträge, die er noch neben seinem hohen Arbeitspensum abzuleisten hatte. Aber das hatte auch ungeahnte Vorteile für ihn: Niemand steckt so sehr in allen Details wie er.
So war es geplant gewesen- schon vor 5 Jahren. Nur so konnte man eine absolute Vertrauensbasis schaffen.
Walter nahm noch einmal einen tiefen Schluck. Ein kehliges Stöhnen von Wohlgefallen begleitete den feinen Geschmack von Schwarzkirsche und frischer Erde, der sich an seinem Gaumen breit machte.
Er stellte das Glas auf die kleine Anrichte hinter seinem Schreibtisch und beugte sich sogleich wieder tief über die Gesamtübersichten im Zweihundertstel Maßstab. Hier und da hatte er rote Markierungen am gezeichneten Verlauf des Beschleunigers hinterlassen. "Es ist Zeit, sich festzulegen", murmelte Walter vor sich hin und umfuhr mit einem schwarzen Edding einen kleinen Bereich auf der Zeichnung. "Hier. Genau hier."

Kapitel 1: Kurier

„Herr Gross, Sie müssen mir unbedingt helfen!“ stammelte Gert in den Hörer, „Ich werde Ihnen innerhalb der nächsten Stunden die nötigen Unterlagen per Fahrradboten zukommen lassen. Das wird wohl der schnellste Weg sein, um Sie vom Wahrheitsgehalt meiner Aussagen zu überzeugen!“. Für einige Sekunden hörte Gert nur ein Hintergrundrauschen im Hörer, dann kam die Antwort: „Na gut, ich schau mir die Unterlagen an und wir treffen uns morgen um zwei Uhr im Cafe Berio in der Nähe des Nollendorfplatzes.“ Gert war erleichtert, dass er Simon Gross überreden konnte. „Abgemacht, ich werde da sein, bis morgen.“

Gert nahm seinen Aktenkoffer, suchte alle wichtigen Seiten heraus und tippte die Telefonnummer des Fahrradkuriers in sein Handy. ´Eigentlich zu gefährlich. Wer weiß, ob Simon Gross persönlich das Schreiben annehmen würde´. Dachte er und fing an, alle Namen und Anschriften zu überschreiben. Er musste auf alle Zufälle vorbereitet sein.

Nur zehn Minuten später, Gert kam es wie eine halbe Ewigkeit vor, stand der Kurier vor der Tür. „Gut, dass Sie endlich da sind! Bitte auf dem schnellsten Wege an diese Adresse!“.

Als einer der Ersten verlies er danach sein Büro, verabschiedete sich von seiner Sekretärin und eilte zum nächsten Taxistand. Sein Gefühl sagte jedoch, dass es ab jetzt kein Zurück mehr gab! Der Stein war ins Rollen gekommen! Dessen war er sich bewusst. „Zum Riemenschneiderweg bitte“, sagte er zum Taxifahrer.

In der Nacht konnte Gert kaum ein Auge zu machen. Schon seit einiger Zeit hatte er den Verdacht, beobachtet zu werden; auch jetzt alleine mit zugezogenen Vorhängen verließ ihn dieses Gefühl nicht. Er schaltete nochmal den Fernseher an und schob eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Doch auch das Fernsehprogramm ließ ihn seine Sorgen nicht vergessen. Nicht die Wiederholung von Criminal Minds. Er musste sich vielmehr auf sein Gespräch mit Simon Gross vorbereiten und möglichst ohne größeres Aufsehen am nächsten Morgen seine Wohnung verlassen. Wenn er seinem Gefühl trauen dürfte, dann musste er sich heimlich aus seinem Appartement schleichen, wie es die Leute es sonst in Filmen taten - nur das dies nun die Realität war.

In aller Frühe verließ er vorsichtig seine Wohnung, doch der Einzige, der ihn draußen empfing, war der Kater der freundlichen Nachbarin... So dachte er zumindest.