„Verdammt!“ schoss es Simon durch den Kopf. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ Er hatte in der Eile seinen Rucksack in der Wohnung liegen lassen. Einschließlich seiner Papiere! „Verdammt!“ Ohne die würde er kaum in die Schweiz einreisen können! Und sein Geld! Was sollte er jetzt tun? Er musste noch mal in seine Wohnung zurück, das war klar! Aber wann war der günstigste Zeitpunkt? Sollte er warten, bis dieser Bachinski wieder ging? Doch wann würde Bachinski wieder gehen? Würde er wieder gehen? Und warum war er überhaupt da? Sie hatten sich doch für um zwei im Cafe Berio verabredet! Woher wusste Bachinski, wo Simon wohnte?
Verwirrt und unschlüssig riskierte Simon einen weiteren Blick über das Geländer und sah Bachinski nach wie vor seiner Haustür hocken. Minuten vergingen. Bachinski blieb und schaute leer in die Gegend. Ab und zu klopfte er an Simons Tür. Natürlich vergebens. Dachte er, Simon würde durch das Fenster nach Hause kommen? Idiot!
Doch wie sollte Simon jetzt weiter vorgehen? Er versuchte vor seinem geistigen Auge, die ihm verbliebenen Möglichkeiten durchzuspielen: wenn er…
„Guten Tag Herr Gross!“ urplötzlich ertönte hinter Simon eine tiefe männliche Stimme.
Die Angst schoss Simon ins Gesicht. Er hatte niemanden kommen hören! Wie war das möglich? Instinktiv griff er sich an die Brust, dort wo früher seine Waffe im Halfter saß. Früher! Jahre war das schon her!
„Herr Gross, ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Simon hielt inne.
„Herr Gross? Haben Sie was mit dem Herzen? Soll ich den Notarzt rufen?“
Erst jetzt begriff Simon. Die Paranoia waren also wieder da! Willkommen! Er drehte sich langsam um und blickte erleichtert in das runde Gesicht eines alten Mannes. Sein Nachbar aus der 3. Etage, der ihn aus der spaltbreit geöffneten Tür anstarrte.
„Ja, alles in Ordnung Herr… äh, alles prima!“
Simon hatte sich noch nie für seine Nachbarn interessiert. Und die Namen erst recht nicht! Doch irgendwie musste er jetzt reagieren. Die Situation erklären. Sonst würde der Alte nicht gehen.
„Wissen Sie“ begann Simon im Flüsterton, seinen rechten Zeigefinger mit der Fingerspitze zur Nase zeigend, auf seinen Lippen gelegt „Dieser Mann dort…“ Simon zeigte in Richtung seiner Haustür und schnappte nach Luft. In den Augen des Nachbarn blitzte ein erwartungsfroher Funken. Er hatte sicher nicht viel Abwechslung in seinem Alltag.
Simon brauchte jetzt Zeit zum Überlegen. Langsam stand er auf und ging betont leise auf den Rentner zu. Nun galt es, sich spontan eine glaubhafte Geschichte zurecht zu legen.
„Der Mann verfolgt mich!“ hörte Simon sich sagen, doch ums Verrecken wollte ihm nichts Kreatives einfallen
„Und jetzt hockt er vor meiner Tür…“ nun musste ein Geistesblitz her
„dieser Mann“ irgendwas Unverdächtiges
„…dieser Mann ist von der GEZ!“
Eine Pause folgte. Dieser Mann ist von der GEZ! Etwas Dümmeres hätte Simon wohl nicht einfallen können! GEZ!
„Ah so, verstehe!“ flüsterte der alte Mann. „Wollen Sie schnell reinkommen bis er wieder weg ist? Eine Plage diese Burschen“ Die Tür ging zu. Verwundert hörte Simon die Türkette klappern. Dann ging die Tür wieder auf. Jetzt war sie sperrangelweit offen. Wider Erwarten hatte ihm der alte Mann die Geschichte abgekauft! Unglaublich! „Trinken Sie Kaffee?“ fragte er.
Simon beschloss rein zu gehen. Doch plötzlich vernahm er polternde Schritte von der Treppe. Gert Bachinski hatte sie gehört und spurtete nun die Treppe hinauf.
„Los, schnell rein!“ rief Simon dem Rentner zu und drängte ihn in die Wohnung zurück. Doch der Rentner war schwer und scheinbar langsam von Begriff. „Mensch, mach schon!“ Simon konnte den dicken Rentner nicht bewegen. Erst als Bachinski mit voller Wucht gegen die beiden Männer prallte, sie förmlich umrannte, stürzten alle drei rücklings in die Wohnung hinein. Ein lautes dumpfes Geräusch folgte. Der Rentner war sehr unglücklich auf dem Hinterkopf aufgekommen. Blut war zu sehen.
„SIE sind da!“ rief Bachinski aufgeregt „Wir müssen hier sofort weg!“
Simon begriff. Doch woher wusste Bachinski davon? Und wie sollten sie fliehen? Sie waren im 3. Obergeschoss! Und das Treppenhaus war nun tabu!
Bachinski zog den bewusstlosen Rentner eilig in die Wohnung hinein und schloss die Tür hinter sich ab. Am Boden war jetzt eine lange Blutspur zu sehen. Simon lief ins Wohnzimmer und sah sich hektisch um. Auf dem Coachtisch lag die Geldbörse des alten Mannes. Simon steckte sie kurzerhand ein. Man konnte nie wissen! Dann bemerkte er den großen Balkon mit Blick zum Hinterhof. Die durchgängigen, vom Erdreich bis ins Obergeschoss reichenden Stützen des Ballon-Konstruktes, waren Simon sonst immer ein Dorn im Auge gewesen. Unästhetisch, wie er fand. Doch heute konnten sie seine Rettung sein. Vielleicht ließen sie sich als eine Art „Feuerwehrstange“ verwenden!
„Herr Bachinski“ rief Simon seinen neuen Mitstreiter herbei und deutete auf eine der Stützen „Wollen wir das versuchen? Trauen Sie sich das zu?“
Bachinski zögerte. Immerhin war er nicht mehr der Jüngste. Vielleicht Ende Fünfzig, schätze Simon.
„Ja! Das könnte funktionieren“ entgegnete Bachinski und ging entschlossen auf den Balkon zu. Dann stoppte er abrupt „Sollen wir nicht zunächst einen Arzt rufen? Vielleicht lebt der alte Mann noch!“ Der alte Mann! Sein Nachbar! An ihn hatte Simon gar nicht mehr gedacht.
„Ja, Sie haben Recht“ sagte Simon, eilte zum Telefon und wählte die 112.
„Hier Notruf 112. Mein Name ist Martina Meier. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Äh, hier ist Simon Grooo…“ stammelte Simon. Fast hätte er sich verplappert. „Simon Grothe. Hören Sie - mein Nachbar aus der 3. Etage hatte einen schweren Unfall. Die Adresse ist Raumerstraße 19“.
„Befinden Sie sich in Berlin Herr Grothe? Ich sehe eine Berliner Telefonnummer!“ hörte er auf der Gegenseite fragen „Und wie ist der Name des Mannes?“.
„Ja, Berlin“ antwortete Simon. Dann legte er auf. Er hatte schon zu viel gesagt. Sie durften keine Zeit mehr verlieren. Sie mussten weg.
Simon lief zum Balkon, öffnete die Tür, stieg über das Geländer und rutschte langsam an einer der schmalen Stützen hinunter. Es war leichter, als er es erwartet hatte. Auch Bachinski folge ihm zügich und mühelos. Niemand schien sie zu bemerken.
„Ich habe mein Auto in der Querstraße geparkt“ sagte Bachinski unten angekommen und eilte vor. Doch Simon wollte sich noch nicht endgültig von seiner Wohnung trennen. Vielleicht konnte er doch an seinen Rucksack gelangen? „Bachinski!, sagte er „ich möchte noch einen kurzen Blick auf den Eingang riskieren.“ Bachinski stoppte und nickte. „Aber lassen Sie uns schon mal ins Auto steigen! Wenn was passiert, können wir schneller weg!“ Das machte Sinn. Simon willigte ein. Über einen Seitenweg gelangten die beiden Männer aus dem Hinterhof in die Querstraße und erreichten nach wenigen Schritten Bachinskis Wagen. Ein silberner BMW Z4. Ein Sportwagen! Wie diskret!
„Parken Sie den Wagen so, dass wir nicht gesehen werden, aber noch den Eingangsbereich einsehen konnten.“ sagte Simon im Befehlston. Sauer, weil ihm der Wagen zu auffällig war. Bachinski gehorchte und fand auch einen Platz, der den genannten Anforderungen gerecht wurde.
Dann versuchte Simon die Situation zu erfassen. Direkt vor dem Haus waren mehrere Autos zu sehen, doch etwas Ungewöhnliches konnte er nicht entdecken. Plötzlich ertönte ein lautes Signal. Ein Martinshorn. Ein Rettungswagen bog in die Raumerstraße ein. Kurze Zeit später folge ein Notarztwagen und die Polizei. Mehrere Männer verschwanden im Haus. Viele Minuten vergingen. Vielleicht eine halbe Stunde. Simon und Bachinski schwiegen sich lange Zeit an.
„Sie haben ihn wohl gefunden.“ stellte Bachinski irgendwann fest, „Sollen wir fahren?“
Simon begann sich zu fragen, wo denn die Männer, seine angeblichen Verfolger abgeblieben seien. Waren sie nun in seiner Wohnung? War denn wirklich jemand in das Haus gestürmt?
„Bachinski“ begann er, „wen haben sie ins Haus kommen sehen?“
Doch Bachinski antwortete nicht. Stattdessen deutete er mit dem Finger auf einen langen schwarzen Kombi, der nun in die Straße einbog. Eindeutig ein Leichenwagen. Der alte Mann war also tot!
„Haben Sie Fingerabdrücke hinterlassen? Haben Sie irgendwas angefasst? “ fragte Bachinski unerwartet sachlich und ruhig.
„Nein“, antwortete Simon, „…außer den Griff der Balkontür und den Telefonhörer und… eigentlich haben sie auch meinen Namen!“. Simon lief ein kalter Schauer den Rücken runter. Sie wussten auch, dass er ein Nachbar des Toten war. Sie würden in seine Wohnung einsteigen. Seinen Rucksack entdecken. Die nicht registrierte Waffe finden, die er in seine Wandersocken eingewickelt hatte.
„Wollen wir es nicht der Polizei erklären?“ fasste Bachinski noch mal nach, „jetzt könnten wir das noch tun! Wenn wir fliehen, glaubt uns später kein Mensch mehr!“
Simon dachte kurz nach. Die Polizei konnte ihm sicher nicht den Schutz geben, den er brauchte. Und sogar David Moore hatte ihm gesagt, er müsse sofort fliehen. Er hatte nur 24 Stunden, um in die Nähe von Genf zu gelangen. Nein, jetzt waren es sogar nur noch knapp 22 Stunden. Er hatte keine Zeit, kein Geld, keine Papiere und keinen Plan. Und zu allem Überfluss hatte auch noch diesen Bachinski am Bein.
„Nein“ beschloss Simon „wir sollten schauen, dass wir hier weg kommen“.
Bachinski schaute bedeutungsvoll in Simons Gesicht und nickte. Dann setzte er den Sportwagen in Bewegung.
Ein letztes Mal blickte Simon auf sein altes Zuhause zurück, schloss die Augen und verabschiedete sich innerlich von seiner jetzigen Identität. Irgendwie hatte er sie lieb gewonnen. So entging ihm auch das hämische Grinsen, das sich nun breit in Bachinskis Gesicht formte.






Super !
AntwortenLöschenEndlich auch der erste Tote- schade, dass es nicht der Mann von der GEZ war ;-)
Das Fluchtauto ist auch klasse. Könnte eine Fahrt und Verfolgung a la Jason Bourne werden mit Simon als Schläfer Jason Bourne und Gert als Franka Potente ;-))
Mal sehen, was in der Zwischenzeit in Genf passiert ist - vielleicht hören wir da von Edda mehr ?!
Bezüglich Walter mach ich mir keine Sorgen. Erstens sind auch bei Simon erst wenige Stunden vergangen. Und zweitens kann man bei der Storyline auch einen Tag später einsteigen.
AntwortenLöschenZ. B. "Seit dem fomellen Zusammentreffen gestern Abend, würde es heute inhaltlich zur Sache gehen. Heute mussten die Entscheidungen getroffen werden" etc.
Vielleicht erfährt der Leser auch gar nicht, was bei dem Treffen abgelaufen ist. Es könnte auch mit Walter weitergehen, der wieder ganz normal als Physiker arbeitet. Wer weiß das schon.
Nun ist Edda wieder dran!
AntwortenLöschenSag mal, kannn es sein, dass Du nicht nur stilistisch nachgebessert hast, sondern auch das "hämische Grinsen". Nicht, dass es schlimm wäre, aber das hatte ich dann wohl übersehen- ändert nämlich den Inhalt sehr.
AntwortenLöschenJa und nein. Ich habe zwar an dem letzten Satz was geändert, aber es hieß zuvor:
AntwortenLöschen"So entging ihm auch das hämische, überhebliche Grinsen, das sich nun breit in Bachinskis Gesicht formte."
Und es werden auch keine weiteren Korrekturen folgen :-)
Man darf den Satz aber auch nicht überbewerten, sondern in Zusammenhang mit Kapitel 1 sehen. Da werden schon wichtige Aussagen über Bachinski getroffen.
Nicht überbewerten, aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen:
AntwortenLöschenDef. hämisch:
Hämisch (eig. verhüllt, verborgen, von ahd. -hamo, d. i. Kleid, Hülle) setzt noch hinzu, dass der, welcher heimlich und versteckt Böses vollbringt, dabei zugleich über dieses Böse Vergnügen empfindet. Der Tückische handelt aus Bosheit, der Hämische aus Schadenfreude, Neid, Hochmut. Das Gesicht des Tückischen zeigt Verschlossenheit, das des Hämischen Schadenfreude. Der Schwache und Feige ist auch gewöhnlich tückisch; denn er kann sich nur heimlich rächen. Der Hämische wendet oft Lüge, Verrat und Verleumdung an, um denen, die er beneidet, zu schaden.
Hämisch hätte ich auch so oder ähnlich erklärt. Auf jeden Fall sollte ich mir alle Kapitel nochmal durchlesen, denn wenn ich weitergeschrieben hätte, hätte ich Simon und Gert doch glatt zu Verbündeten zusammengeschmiedet. Da müsste ich schon ein wenig in die Trickkiste greifen, um das noch durchzusetzen...
AntwortenLöschenIch denke, dass Simon und Gert erst mal Verbündete SIND. Simon vertraut ja Gert und hat bislang noch keinen Grund es nicht zu tun. Simon ist sogar auf Gert angewiesen. Er will auch noch Informationen und Antworten von ihm. Und er muss irgendwie nach Genf kommen. Und Gert will auch weiter mit Simon zusammengeschiedet sein. Jetzt hat er ihn sogar in der Hand! So würde ich es sehen.
AntwortenLöschenIch finde, dass Gert das ganze recht geschickt angestellt hat. ER hat den Alten umgerannt und somit umgebracht! Danach hat er jedoch keine Fingerabdrücke hinterlassen (oder vielleicht doch? auf der Kletterstange?), nicht selbst 112 angerufen, kann mit dem Haus nicht in Verbindung gebracht werden. Und dann hat er schön scheinheilig getan, indem er die "gute Seele" war, weil er sich um den Alten gesorgt hatte.
Wenn Gert irgendwas Böses im Schilde führt, dann wird er es vielleicht irgendwann in entfernter Zukunft tun. Aber zunächst ist er anscheinend auch daran interessiert, Simon irgendwelche Informationen zukommen zu lassen und mit ihm zusammen irgendwas bestimmtes herbeiführen...
Wenn er Simon hätte umbringen/bestehlen/entführen wollen, hätte er es schon längs getan! Oder hat er ihn jetzt entführt? Nein, dazu hätte Kap. 1 nicht gepasst.
Woho, da hast du aber erzähltechnisch aber aufs Gas gedrückt.
AntwortenLöschenUnd es war auch wirklich an der Zeit, dass endlich die Nähe von CIA und GEZ aufgedeckt wurde!!!
Mart:
AntwortenLöschenUnd es war auch wirklich an der Zeit, dass
endlich die Nähe von CIA und GEZ aufgedeckt wurde!!!
Den wahren Zusammenhang zwischen den beiden entdeckst du erst, wenn du in meinem Text jedes
C gegen ein G
I gegen ein E
A gegen ein Z
tauschst, jeden 23. Buchstaben abzählst, die anderen streichst, dann die beiden Quersummen aus den jeweiligen Standortkoordinaten der beiden "Hauptquatiere" bildest (sagen wir mal X und Y) und jeden X-ten und Y-sten Buchstaben aus den verbliebenen Buchstaben nimmst. Das machst du so lange, bis du 128 Buchstaben hast (ggf. vorne wieder beginnen).
Der Haken ist - wer die Wahrheit kennt, bekommt höchstwahrscheinlich bald Besuch!