Walter, der inzwischen zu Hause angekommen war, betrachtete nochmals die Kopien der Pläne. Obwohl es verboten war, Arbeitsmaterial, nach draußen zu schmuggeln, ist es ihm gelungen, die strengen Sicherheitsvorkehrungen umzugehen. Er war eben ein Fuchs, dachte er zufrieden.
Beim Betrachten der Unterlagen überkam ihn immer wieder ein unglaubliches Triumphgefühl. Es war eine Art fiebriger Erregung, die Besitz von ihm ergriff und nicht mehr loszureißen schien. Ein hochmütiges Lächeln breitete sich über seine Gesichtszüge.
Endlich hat er sein Ziel erreicht! Er hat den entgültigen Bewies für seine Theorien gefunden. Es hat Jahrzehnte harter Forschungsarbeit bedurft, aber es hat sich gelohnt! Eine innere Stimme widersprach ihm kurz, denn es war nicht nur sein Verdienst, sondern auch von seinen Kollegen aus einem früheren, fast schon vergessenen Leben...
Diesen Gedanken verdrängte Walter sofort, denn er wusste, dass er immer der Beste war. Früher und auch jetzt! Keiner konnte ihm das Wasser reichen. Nun musste er nur noch die entsprechenden finanziellen Mittel bekommen, um, seine These der Welt vorzuführen.
Für einen kurzen Augenblick erschien in Walters Augen das alte manische Glimmern wieder.
Vor Kurzen hatten seine Mitarbeiter in C.E.R.N. die supersymmetrischen Teilchen an LHC entdeckt und mit dem baldigen Erreichen von Lichtgeschwindigkeit eröffneten sich auf dem Gebiet der Physik und der Astronomie ungeahnte Möglichkeiten. Seine Kollegen feierten sich jetzt schon als Champions, aber er konnte ihnen nur ein Gefühl von Verachtung entgegenbringen.
Diese Menschen waren zwar hervorragende Physiker, ohne Zweifel sehr gut geschulte Fachleute und Spezialisten auf ihren Gebiet, und doch Unwissende, die überhaupt nicht in der Lage waren, die wahre Tragweite ihrer Entdeckung zu begreifen. Was wussten diese Schnösels schon von den existenziellen Wahrheiten des menschlichen Daseins, von der Zeitlosigkeit und der Distanzlosigkeit des menschlichen Bewusstseins?
Es kostete Walter immer so viel Mühe, ihnen gegenüber respektvoll aufzutreten.
Auf eine Art taten ihm sogar solche Menschen leid, denn sie würden im Gegensatz zu ihm, nie zu höheren Sphären vordringen können.
Plötzlich verschwand sein Lächeln gänzlich und seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen. Er wusste ganz genau, dass fast die ganze Menschheit aus solchen oberflächigen und geistarmen Wesen bestand. Seine Entdeckung, die die Strukturen des menschlichen Lebens und das ganze Bewusstsein verändern würde, konnte von solchen von ihnen nicht begriffen werden. Die Menschheit war zum größten Teil geistig noch nicht in der Lage, sein Forschungsergebnis zu erfassen. Sie brauchte einen geistigen Führer.
Walter atmete, überwältigt vor seinen Gefühlen, tief durch. Er wusste ganz genau, dass er es schaffen könnte. Er, Walter, würde das Gemeinschaftsschicksaal der Menschheit mitbestimmen.
Er war noch ganz in seine Visionen verstrickt, als eine Bewegung an der Tür, ihn aus seinen Gedanken riss. Es war Youseff. Dieser alte Mann gehörte sozusagen zum Inventar des Hauses und war so eine Art Mann für alles.
Walter mochte ihn nicht besonders, aber er hatte keine Wahl. Als die Eingeweihten ihm vor drei Jahren anboten, für sie zu arbeiten und dieses Haus zu führen, war dies eine der Bedingungen, dass er Youseff nicht entlassen darf.
Aber bald, wenn er mächtiger wird und endlich die Weihe bekommt! Wenn er endlich einer von ihnen wird, dann lässt er sich nicht mehr alles gefallen!
„Herr Schulte, es ist an der Zeit...“, hörte er die unverkennbare zittrige Stimme.
Walter gebot ihm mit erhobenen Hand Ruhe. Es war nicht notwendig, viel zu reden.
Langsam stand er auf, faltete die auf dem Tisch verstreuten Dokumente sorgfältig zusammen, und folgte dem gebeugten Mann durch den langen Korridor zu einen engen Raum, der auf den ersten Blick wie eine Abstellkammer wirkte. Wie durch eine Geisterhand begann diese Räumlichkeit zu vibrieren und setzte sich ganz leise in Bewegung. Es ging mehrere Stockwerke herunter. Von dort aus dauerte es noch eine Weile, bis die beiden Männer das Arbeitskabinett erreichten. Es war zwanzig Meter lang, zehn breit und fünf hoch. Jede Wand säumten hohe Regale, die mit unzähligen Büchern beladen waren.
Es waren immer wieder die gleichen Empfindungen, die auf Walter beim Betreten diesen Saales einströmten. Es war das Gefühl der Erhabenheit und der Macht, vor allem, wenn er daran dachte, dass er schon in Kürze ein würdevoller Mitglied dieser uralten Geheimorganisation werden würde.
Bisher durfte Walter nur organisatorische Tätigkeiten durchführen und nur ab und zu als passiver Zuhörer bei den geheimen Treffen teilnehmen. Allerdings, blieben alle Gesichter der Mitglieder unter den dunklen Kapuzen für ihn unsichtbar und er wurde zwischendurch aufgefordert, den Raum wieder zu verlassen. Trotzdem fühlte er sich jetzt schon als einer von ihnen.
Jedes Mal beim Begehen dieses Kabinetts schüttelte er regelrecht seine weltliche Existenz ab und in seinem Innerem schien tatsächlich eine Wandlung vorzugehen. Er war nicht mehr der renommierte Professor, Dr. Walter Schulte, der für die Europäische Organisation für Kernforschung in Genf arbeitete, sondern ein Mystiker und ein Philosoph.
Diese Seite von ihm kannte niemand von seinen Arbeitskollegen in C.E.R.N. Aber auch früher, als er noch vor vielen Jahren mit einem anderem Team an einem ähnlichem Forschungsprojekt arbeitete, hatte er es geschafft, sein großes Interesse an Spiritualität und die damaligen Kontakte zu der Geheimorganisation zu verheimlichen.
Den Sitzungsraum der Eingeweihten beherrschte ein riesiger Holztisch in Mahagoni, der mit geheimnisvollen Schnitzereien verseht war. Auf dem Tisch befand sich ein Pergament, der eng mit der lateinischen Handschrift beschrieben war und auf dem Abbildungen von Planeten zu sehen waren. Mit erhobenen Kopf trat Walter an den daneben stehenden, thronähnlichen Sessel heran und nahm dort würdevoll Platz. Das war das erste mal, dass dies ihm erlaubt wurde. Ansonsten saß er auf einem kleinem Hocker in einer dunklen Ecke des Raumes, um nicht aufzufallen und zu stören.
Neben dem Tisch stand ein bronzefarbener, siebenarmiger Leuchter, dessen Kerzenlicht eine mystische Stimmung verbreitete und die Bücherregale zu bizarren Schatten werden ließ.
Wie immer, konnte Walter hier seinen Blick nicht von all den Werken in den Holzregalen losreißen. Inzwischen mussten es Tausende sein. Walter war immer schon ein passionierter Sammler und ein Genießer. Wie gerne wäre er der Eigentümer all dieser wundervollen Bücher und nicht nur der Verwalter.
Meistens handelte es sich um alte Handschriften, um all die Perlen und Weisheiten von der christlichen Offenbarung zur jüdischen Kabbala, von der Religion der Zarathustra bis zu den Theorien von Platon.
In dieser Geheimbibliothek befindet sich auch das Juwel der Sammlung, ging es Walter durch den Kopf und seine Brust schwoll vor Stolz an, denn es war für ihn eine große Ehre, es im Original lesen zu dürfen. Jedes Mal lief ihm ein wohltuender Schauer über den Rücken, wenn er an die alte Übersetzung des Buches von Al-Kindi denken musste.
Und hier, in diesen Räumlichkeiten, würde er in wenigen Augenblicken die elitäre Gemeinschaft der Kundigen treffen, deren geheimnisvolles Wissen von Generationen zu Generationen an sie weiter gegeben wurde. Und wenn er endlich die entsprechenden Mittel zur Verfügung bekommt, wird er in der Lage sein, dieses Wissen durch stichhaltige Nachweise zu belegen. Das hat noch niemand in der Menschheitsgeschichte vor ihm gewagt und auch niemand geschafft. Dieser Gedanke ließ ihn ein grenzenloses Machtgefühl empfinden, vermischt mit dem Drang, sich der kommenden Aufgabe gänzlich zu stellen. Gleichzeitig überkam ihn eine bisher unbekannte Erregung und die Zukunftsvision brannte wie Ameisenbisse unter seiner Haut.
„ Ja, die Zeit ist reif. Es ist tatsächlich Zeit, sich festzulegen“, flüsterte er leise. Walters reptilienschmalen Lippen verzogen sich zu einem subtilen Lächeln.
„Sind Sie bereit?“ Es war die Stimme seines Angestellten.
Walter nickte. Seine kerzengerade Haltung und der undurchsichtiger Ausdruck in seinem Gesicht verrieten nichts von seiner inneren Verfassung.
Kurz darauf ertönte ein siebenfacher, sehr lauter Gong und ein massives Tor auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich. Walter sprang auf und verbeugte sich tief.
Erst als alle an dem massiven Tisch Platz nahmen, erhob er sich wieder.
Er begann seine Rede: „Wie oben, so unten; wie im Himmel so auf Erden, wie im Makrokosmos, so im Mikrokosmos.“
Edda
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Extrablatt
Donnerstag, Februar 12, 2009
Kapitel 12: "Quantenbombe"
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Freitag, Oktober 24, 2008
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Wow, welch eine Wendung! Vor 10 min dachte ich noch, Walter wollte CERN in die Luft sprengen und die Welt vernichten und jetzt...
AntwortenLöschen... jetzt weiß ich es ;-)
Ein gelungener Einstand für Edda! Wirklich toll, detailreich und atomsphärisch geschrieben. Doch welch eine mächtige Organisation mag Walter wohl im Rücken haben, die es ihm ermöglicht hat, einen gemeimen Bereich im CERN einzurichten?
Ich bin wirklich gespannt, ob er wirklich die Spitze des Eisberges ist oder ob er auch nur als Marionette mißbraucht wird... der gute Herr Schulte :-)
Also jegliche Vorstellung von einem möglichen Geschichtsverlauf habe ich soeben über Bord geworfen.
AntwortenLöschenJetzt weiß ich auch endlich, warum Gert so nervös war, das Böse versucht die Welt zu erobern...! ;-)
Je länger ich an diesem Kommentar schreibe, deste mehr Ideen kommen mir für das nächste Kapitel, es wird großartig
Ich glaube nicht, dass Gert die arme Wurst, von Führers Plänen weiß... Aber man kann ja nie wissen, über welche geheimen Akten er gestolpert ist! Freu mich :-)
AntwortenLöschenTja, was soll man dazu sagen: Da können wir drei Jungs einpacken gegen so ein gutes Kapitel. Offensichtlich will Edda, dass wir uns noch etwas steigern, sowohl sprachlich, als auch inhaltlich. Wirklich klasse, Edda !!
AntwortenLöschenIch wusste schon, dass Walter was drauf hat, aber er hats ja wirklich faustdick hinter den Ohren. Und wo Du es schon erwähnt hast, werde ich heute Abend auch nochmal in Djefr 2 von Al-Kindi schauen. Den ersten Band kenn ich schon so gut wie auswendig.
;-))
Irgendwie bin ich durcheinander geraten.Wer ist denn jetzt dran mit schreiben ? Mir wäre es übrigens sehr recht, wenn Edda nicht statt Tommes geschrieben hätte, sondern einfach zwischendurch - so haben alle anderen einfach noch mehr Zeit...
AntwortenLöschenAlso eigentlich bin ich dran, aber wenn Edda nicht statt Tommes geschrieben hätte, wäre er dran, von daher muss das noch kurz abgestimmt werden.
AntwortenLöschenTommes: Ich oder du?
Du!
AntwortenLöschenIch! :-)
AntwortenLöschenUnd danach ?
AntwortenLöschenTommes: Du oder ich ?
Und dann danach ?
Tommes: Du oder ich oder Edda ?
Also jetzt ich, dann Michbö, dann Tommes.
AntwortenLöschenDanach kann wieder Edda, was meint ihr?
Guter Plan! S machen wir das!
AntwortenLöschenS=So
AntwortenLöschenIch freue mich, dass meine Geschichte Euch so gut gefallen hat. Mit Spannung warte ich auf die Fortsetzung und freue mich, dass ich auch zukünftig mit an Bord bin.
AntwortenLöschenEdda.
Ich bin zufrieden verwirrt...stehe also auf dem Schlauch, freue mich aber auf Kapitel Nr 4!!!
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